Capriccio siciliano

Übersetzt aus dem Italienischen von Barbara Sauser.

Sprechanlage blieb stumm. Nach ein paar Augenblicken ging die Tür aber plötzlich auf, und als sie hinter uns wieder zufiel, standen wir in einem weiträumigen, dunklen Hauseingang. Links eine steinerne Treppe mit einem Eisengeländer, wir stiegen zögernd hinauf und erblickten im ersten Stock eine hölzerne Tür mit dem Schild «PENSIONE FELICI». Wir klingelten noch einmal, und beinahe sofort öffnete uns eine grosse, magere Frau undefinierbaren Alters mit einem knochigen Gesicht und dicken Gläsern gegen Kurzsichtigkeit. Signorina Pina, wie Signora Felici sie später nennen würde, musste eine alleinstehende Frau sein, die vielleicht keine Familie hatte und sich in diesem Haushalt um alles Mögliche kümmerte und auch als Gesellschaftsdame, Sekretärin, Krankenschwester wirkte.

Ohne übertriebene Höflichkeit hiess sie uns in das Vestibül eintreten, das spärlich beleuchtet, aber mit einem grossen, eine ganze Wand bedeckenden Spiegel ausgestattet war. Sie ging zur Signora, um ihr unser Eintreffen zu melden, worauf diese in Pantoffeln und Hauskleid durch eine der Zimmertüren kam, auf einen Stock aus Elfenbein gestützt und gefolgt von einem weissen, stellenweise kahlen Spitz, der eine Pfote nachzog. Es war eine Dame in vorgerücktem Alter, klein, runzelig und beinahe glatzköpfig, aber mit äusserst lebhaften, flinken schwarzen Augen, die uns misstrauisch musterten. Sie fragte als erstes, wer uns die Adresse ihrer Pension gegeben habe, und wollte erst danach wissen, woher wir kämen und wie lange wir in der Stadt zu bleiben gedächten.

Signora Felici führte uns durch den Flur, der nach Kampfer und abgetretenen Teppichen roch. Auf beiden Seiten lagen recht helle Zimmer, doch die Matratzen auf den einfachen Betten waren gerollt und mit Lumpen und vergilbten Zeitungen bedeckt. Das Zimmer, das wir zugewiesen bekamen, die Nummer 3, wie Signora Felici sagte, war das letzte hinten rechts. Ein riesiges Ehebett mit einer ausgebleichten, zerschlissenen Tagesdecke aus Satin nahm einen grossen Teil des Raumes ein. Neben einer völlig unpassenden Ameise aus Korbgeflecht hing über dem Kopfende ein Bild der heiligen Agatha. Links des Bettes führte eine Schiebetür in ein kleines Badezimmer, das mit einem wackligen Waschbecken, einer grünlich gefliesten, vorsintflutlichen Dusche und einem mausgrauen Vorleger aus Plastik ausgestattet war. Neben der Badezimmertür stand eine Spiegelkommode mit einem Fläschchen Eau de Cologne, mehreren Bürsten, deren Borsten vom Gebrauch krumm waren, Kämmen ohne Zähne, Perückenköpfen. Im grossen Spiegel waren eine weitere Kommode und eine Chaiselongue voller Kissen und übereinandergetürmter Ansichtskarten und Photos erkennbar: die Signora, als sie vielleicht fünfzig war, mit üppigen Hüften und Brüsten; dieselbe ein paar Jahre älter, aber immer noch blühend; von vorne, im Profil aufgenommen; schulterfrei im Theater, beachtenswertes Collier; kniend in der Kirche mit schwarzem Schleier und dem Rosenkranz zwischen den Fingern; am Fenster mit Dauerwelle und im Arm: drei kleine weisse Spitze. Neben der Balkontür standen eine Wäschekommode aus Mahagoni, zwei abgenutzte Armstühle und ein Salontisch voller Nippsachen, Papier und Krimskrams, unter dem ein ungeheuerliches Bronzeinsekt seine Beine hervorstreckte. An den Wänden, auf den Kommoden, auf dem Salontisch, überall im Zimmer prangten Heiligenbilder und Darstellungen der Madonna und des Herzens Jesu.

Nur in einer Ecke hing ein grossformatiges, schlicht gerahmtes Schwarz-Weiss-Photo. Es…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»