Die schönen Imaginationen

Wieso (heute noch) «Bergliteratur» schreiben?

Als Kind übernachtete ich oft bei meinen Grosseltern, und statt abends das Licht zu löschen, las ich in einem der Bücher, die ich in dem Schrank neben meinem Bett fand: «Wo fängt Jacqueline an?» von Hanne Tribelhorn-Wirth, 1943 ausgezeichnet von der Büchergilde Gutenberg; in sanftem Gebirge angesiedelt, ein alter Maler, eine junge, schöne Jacqueline und ein Happy End zwischen Mann und Frau – ich war zufrieden. Da ich jeweils nur drei oder vier Nächte bei meinen Grosseltern blieb, schaffte ich das Buch nicht ganz, aber ich kam wieder, und irgendwann langte ich bei den vier magisch auseinandergezogenen Buchstaben an, die abgerundete Texte so gerne abrunden: E N D E.

Etwa zwölf Jahre später – inzwischen war aus mir ein passabler Wanderer und kleiner Abenteurer geworden – erfuhr ich in einem Literaturseminar von den Bergen als Ort der Verklärungen und des Kitsches in Lyrik und Prosa. Hier wurde die Schönheit der Berge besungen, da die furchtbaren Städte verteufelt. Tatsächlich wurde der deutsche Buchmarkt in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts rege mit Literatur aus der Schweiz beliefert: gebirgige Heimatliteratur vor allem. Diese unwirtliche, kaum bewohnbare Region – ein Ort für schöne Imaginationen? Heute wird – bereits standardisiert – von dem Genre «Bergliteratur» gesprochen. Auch mein Roman «Niedergang», im Herbst 2013 erschienen, wurde vom Feuilleton als «Bergroman» betitelt. Die Bezeichnung hat mich befremdet. Vielleicht, weil sie nach «Genre» klingt, nach Zuordnung, Beschränkung.

Als ich den Roman schrieb, war ich lange nicht mehr in den Bergen gewesen. Ich hatte aber, eher zufällig, die Erzählung «Bergfahrt» des Schweizer Philosophen Ludwig Hohl gelesen, dessen Werke damals seit langem vergriffen und nur noch schwer erhältlich waren. Bei ihm sind zwei Männer auf einer alpinen Unternehmung; der Mitläufer kehrt um, der Gipfelstürmer beginnt oben ein langsames Sterben. Nicht handwerkliche Gründe haben mich für das Buch eingenommen, vielmehr eine Energie, die in ihm steckt wie in einem Speicher. Unzweifelhaft war die philosophische Dimension des Textes. Die Form der Parabel interessierte mich besonders. Ich fragte mich, wie sie heute aussehen könnte.

Eigene, zurückliegende Erfahrungen in den Bergen, kürzlich begonnenes Klettern in einer Berliner Halle – die Dinge fügten sich wie von selbst. Was eben noch fern schien – die Idee, einen Roman zu schreiben, der in den Bergen spielt –, war auf einmal in meinem Kopf, bereit, realisiert zu werden. Also betrat ich literarisch schwieriges Terrain, das nicht nur hochrangig, sondern auch zweifelhaft besetzt war. Ich beschloss, diese von Heimattümelei besetzte Landschaft neu zu überschreiben, genauer: die schönen Imaginationen zu überschreiben, die lediglich dazu da sind, Grausamkeiten zu verhüllen. Mir scheint, dass die Berge, gerade weil sie ein Ort der Imaginationen sind, sich als Schauplatz in der Literatur eignen; eine Doppelung ist damit natürlich gegeben – und nah liegt die ironische Betrachtung.

 

Roman Graf ist Schriftsteller, mit seinem Roman «Niedergang» (Knaus, 2013) war er für den Schweizer Buchpreis nominiert. Er veröffentlicht Lyrik und Prosa, seine Texte erscheinen in verschiedenen Zeitschriften. Er erhielt unter anderem den Studer/Ganz-Preis und die Literarische Auszeichnung der Stadt Zürich. Roman Graf lebt in Berlin.