Rambazamba an der Langstrasse

Stephan Pörtner kennt die Zürcher Halbwelt nicht nur aus Erzählungen. Im Interview erzählt er, wie es ihm gelang, aus der eigenen bewegten Geschichte literarisches Kapital zu schlagen, und wie er so die Langstrasse zum Tatort machte. Und er verrät, wieso die Schweiz für die «ganz harten Geschichten» zu brav ist.

Rambazamba an der Langstrasse

Herr Pörtner, Sie sind ein «Krimiautor». Ist das im Literaturbetrieb eine Art Stigma? 

Nicht überall. Das Herabwürdigen des Krimis ist vor allem ein Phänomen im deutschsprachigen Raum. Und auch nur in jenen Zirkeln, die das Elitäre hochhalten. Zu den Literaturtagen in Solothurn wird also vielleicht pro forma alle Jahre ein Krimiautor eingeladen. In der angelsächsischen Welt hingegen klammert man den Krimi gemeinhin nicht aus, wenn man von «Literatur» spricht.

Wieso aber – wenn auch oft unausgesprochen – hierzulande?

Wahrscheinlich liegt es an der Ablehnung von Popularität. Krimis sind kommerziell erfolgreich und richten sich an breite Bevölkerungsschichten. Dadurch geht der elitäre Charme ver-loren, den man der Literatur als Kunstform beimisst.

Friedrich Dürrenmatt gewann dem Umstand Positives ab: Kriminalromane zu schreiben bedeute, «Kunst da zu tun, wo sie niemand vermutet». Der Krimi eignet sich hervorragend, die grossen und gesellschaftlich relevanten Themen darin einzubetten.

Oder eben einzubetten, was man für gross und relevant hält! Mein Ermittler «Köbi» Robert kommt aus der alternativen Szene Zürichs. Die 80er sind für ihn ein Thema, das Hanfgeschäft und die Langstrasse. Als ich begann, meine Bücher zu schreiben, war die Langstrasse in der Schweiz noch sehr unbekannt. Die alternative Subkultur in Zürichs Kreis 4 hat damals auch noch niemanden so wirklich interessiert. Aber über das Medium Krimi blicken dann eben auch Leute in diese Welt, die das gar nicht vorhatten, oder ein Buch, das sich ausschliesslich damit befasst, gar nicht gekauft hätten.  

Die Milieustudie als Wolf im Schafspelz.

Wenn Sie so wollen, ja. Der Krimileser kann am Gerüst des Krimis, dem Spannungsbogen, seinen Spass haben und den Rest einfach hinnehmen. Oder er kann sich an den eingeflochtenen grossen Themen, den Milieus und ihren Protagonisten erfreuen. Oder eben beides. Das war ein Grund für mich, diese gemeinhin unterschätzte Form zu wählen.  

Gehen wir aber noch einen Schritt zurück: wieso eigentlich überhaupt Schriftsteller werden?

Ich bin familiär vorbelastet, deswegen habe ich es bis zum 33. Lebensjahr zu vermeiden gesucht, auch in dieses Metier einzusteigen. Mein Vater war bereits Schriftsteller und meine Schwester ist Milena Moser. Obwohl beide sich in ihrem Werk mit Morden befassten, haben sie keine klassischen Krimis geschrieben, das hat mich angespornt. Und der Krimi hat auf den ersten Blick eben auch nicht so hohe Anforderungshürden, wenn man mit dem Schreiben beginnen möchte.

Das klingt nicht sehr ambitioniert.

Doch, doch: mein Ziel war es, mit «Köbi» an den Bahnhofskiosk zu kommen – die Leute sollten mich lesen! Was mich nie gereizt hat, war, nur das literaturinteressierte Publikum zu erreichen.  

Ihnen sind die Bibliophilen damals zu elitär und akademisch vorgekommen – das meinen Sie wohl mit «vorbelastet»?

Ja. Ich habe damals die Schule abgebrochen und mich ohne Abschluss durchgeschlagen – und bis heute fühle ich mich dem 08/15-Leser näher als der literarischen Kaffeegesellschaft. Ich habe meine Bücher auch damals am Bahnhofskiosk gekauft und nicht in der Bibliothek ausgeliehen oder im Antiquariat gesucht.

Ihr Ermittler «Köbi» Robert passt nach Zürich. Haben Sie eigentlich einmal recherchiert, ob es diesen Typus Ermittler auch tatsächlich gibt?

Ich habe 22 Jahre lang an der Langstrasse gelebt und musste nicht mehr viel recherchieren. Ich kenne die Gegend und habe ihre Entwicklung mitverfolgt. Am Anfang war die Langstrasse eine Art Biotop: ein bisschen Rotlicht, ein bisschen Rock, obskure Gestalten und vertuschte Unterweltverbindungen, später kam die offene Drogenszene. Die Oberfläche dieses «Sumpfs» verändert sich bis heute sehr schnell: die meisten Beizen, die in meinen Manuskripten noch eine zentrale Rolle spielen, sind schon wieder geschlossen, wenn das fertige Buch dann tatsächlich erscheint. Die an verschiedenen Ecken konsumierten Drogen haben ebenfalls eine Konjunktur, genauso wie die verschiedenen Szenen. Und: anhand der Romane kann man die bewegte Geschichte der Strasse ganz gut nachvollziehen. Das ist, wenn Sie so wollen, ein Stück Stadtgeschichte. Einen Ermittler in dieses Setting einzubauen, ist dabei bloss der Kunstgriff – Köbi hat also kein reales Vorbild.    

Wie nah sind Sie Ihrer Figur?

Köbi ist mir sehr ans Herz gewachsen. Er und ich waren seit der ersten Zeile Nachbarn, hatten eine ähnliche Biographie und teilten viele Vorlieben. Wir erinnern uns beide noch an die Zeit, als sich in der Bäckeranlage nicht die Hipster-Eltern, sondern die Fixer aufhielten. Auf Dauer mussten Köbi und ich uns aber voneinander distanzieren, denn: wenn man schreibt, erlebt man nichts mehr, und irgendwann gehen einem dadurch die biographischen Stoffe aus. Mit der Zeit schickte ich also Köbi an Orte, die ich gar nicht kannte und die mir selbst fremd waren.

Obwohl Sie sich eigentlich entschlossen hatten, nach dem dritten Buch aufzuhören, gibt es nun schon deren fünf. Haben Sie die Kontrolle über Köbi verloren?

Ich habe tatsächlich schon nach dem dritten Roman gedacht: jetzt muss ich wieder so endlos viel konstruieren, damit ein Fall zustande kommt, den man mir abnimmt. Und nach jedem aufgeklärten Fall kann ich mir nicht vorstellen, Köbi schon wieder in einen neuen Fall zu verwickeln – denn er ist ja kein Kommissar, an den die Fälle herangetragen werden. Ich kann die Fans aber beruhigen: den allerersten Fall Köbis, ein Prequel, habe ich noch in der Schublade, er ist seit 15 Jahren unveröffentlicht. Vielleicht kommt er ja bald?

Gab es auch Rückmeldungen aus dem Milieu, über das Sie geschrieben haben?

Nicht direkt. Im «Köbi Santiago» arbeite ich am Rande die Zürcher Jugendunruhen in den frühen 1980er Jahren auf, das hat für einige Reaktionen gesorgt. Bis dato hiess es: «Darüber spricht man nicht», verstehen Sie? Ich habe Lesungen in besetzten Häusern gemacht und mit den Leuten diskutiert. Aber da wurde mir dann auf einen Schlag bewusst: diese heutigen Hausbesetzer sind um die 20! Die waren noch nicht einmal geboren, als die Unruhen stattfanden. Wenn man denen von politischen Diskussionen von damals berichtet, finden sie das beinahe exotisch. Für die bin ich eine Art Dinosaurier.   

Zürich hat derzeit mehr besetzte Häuser als je zuvor. Hausbesetzung scheint eine Art Breitensport geworden zu sein – ihren Marx lesen die Besetzer aber heute nicht mehr?

Ich kann die Entwicklung heute nur noch aus der Distanz beurteilen, denn ich habe mit diesen Leuten eigentlich nichts mehr zu tun. Früher jedenfalls wurden die besetzten Häuser innerhalb von zwölf Stunden geräumt. Heute lässt man den Jugendlichen ihren «Spielplatz», gibt ihnen irgendwann einen Auszugs-termin und dann läuft das ganz pragmatisch ab. Und: Marx haben wir auch schon zu meiner Zeit nicht mehr gelesen. (lacht)

Also Hauptsache Rambazamba?

Es gab auf jeden Fall einen Bruch zu den 68ern, es gab die Theoretiker und die Macher. Und unter letzteren gab es auch wieder verschiedene Fraktionen: politische Besetzungen, dadaistische Besetzungen usw. Die waren dann auch in der Innenstadt, heute sind sie «weit draussen» – man wird nicht mehr mit ihnen konfrontiert.

Sie haben nach Ihrem Leben in der «Szene» eine Firma aufgebaut. Sind Sie eine Art «Unternehmer-Punk» geworden?

Das war eher Zufall. Neben meiner Wohnung im Kreis 4, in einer Siedlung, die nach einer Besetzung übernommen werden konnte, wurde ein Lebensmittelladen frei. Man sprach in diesen Kreisen stets von Selbstverwaltung und all diesen Sachen – angepackt wurde aber selten. Ich habe die Chance genutzt und einen selbstverwalteten Betrieb – der trotzdem eine AG war – mit drei Mitarbeitern gegründet.  

Ein kapitalistischer Betrieb im alternativen Umfeld – das dürfte in der dogmatischen Fraktion für Ärger gesorgt haben.

Das hat es. Aber: Getränke und vor allem Lebensmittel in einem Quartierladen zu verkaufen, das konnte man noch als sozialverträglich verkaufen. Wir haben die Szenekinos und neu aufkommenden Szenebars beliefert, auch die illegalen. Denn: wenn man als Hausbesetzer eines braucht, dann Bier!

Das klingt berechnend.

Eher pragmatisch: wir mussten uns die Akzeptanz hart erarbeiten, waren teurer als die Konkurrenz, kamen aber aus der Mitte dieser Szene und hatten dementsprechend einen Bonus. Hin und wieder haben wir sogar während der Räumungen von besetzten Häusern noch schnell das Leergut abgeholt.

Ich mutmasse: mit Hausbesetzern als Hauptkunden blieb Ihnen der grosse Erfolg verwehrt?

Wirklich gut ging es dem Betrieb lange nicht, heute – der Betrieb hat noch immer keinen eigentlichen «Chef», dafür aber eine Art «Hipness»-Faktor – gilt er mit seinem Konzept als Pionier unter den Selbstverwaltungsunternehmen und ist mit ungefähr 30 Mitarbeitern recht erfolgreich.

Ist der – Pardon – unstete Lebenswandel eine Art Treibstoff für den Schriftstellermotor?

Gute Frage. Es gibt in jedem Fall viele Schriftsteller, die Brüche im eigenen Leben als Stimulus nutzen. Einige sogar vorsätzlich: ich kenne solche, die hin und wieder einige Monate bewusst sogenannte «Prolo-Arbeit» – auf Baustellen, als Getränkelieferant usw. – machen, um aus ihrem Leben auszubrechen und sich so einen neuen Blickwinkel zu erschliessen. Wenn man in verschiedenen Arbeitswelten, Milieus oder Ländern gelebt hat, ist das sicher nicht schlecht für den Output als Schriftsteller. Aber: mit der Phantasie allein geht es auch ganz gut – ich muss mich nicht künstlich stimulieren, indem ich so tue, als sei ich mal für drei Wochen jemand anderer. Und ich kann sagen: wenn ich nicht die Schule abgebrochen hätte, wäre ich wohl heute nicht Übersetzer und Schriftsteller.  

Ihre Übersetzertätigkeit ist ein gutes Stichwort. Kürzlich haben Sie «Sick City» von Tony O’Neill übersetzt. Eine Art Hollywood-Gossenprosa voller Gewalt, Schmutz und nicht zuletzt voller Kraftausdrücke, die Mütter ihren Kindern verbieten. Aus der Schweiz kommt so etwas nie. Fehlt ihr die brachiale Literatur? 

Den grossen Schweizer Sex- und Drogenroman, meinen Sie? Es hat auch bei uns Versuche gegeben, derartige Bücher zu veröffentlichen. Allerdings wird das schnell peinlich. Das «Schnelle und Dreckige» gibt es in der Schweiz kaum. Rohe Härte und Kaputtheit, die Ingredienzen vieler Hollywoodfilme und vieler Kriminalromane aus den USA, sind hierzulande bestenfalls Randerscheinungen, die mit der Lebenswelt der Leser noch weniger zu tun haben als die Langstrasse. Wer in der Schweiz hauptberuflich Straftaten begeht, wird irgendwann erwischt. Wer in der Schweiz jahrelang harte Drogen konsumiert, wird in ein staatliches Anti-Drogen-Programm aufgenommen. Die Institutionen funktionieren, was ja auch gut ist – die Halbwelt existiert aber deshalb hierzulande nicht in ihrer amerikanisch-offensichtlichen Form. Bei uns laufen die Dinge mehr im Verborgenen, hinter der schönen Fassade ab: man ist auch im Verbrechen auf Diskretion bedacht. In meinem letzten Roman «Stirb, schöner Engel» geht es denn auch um einen Frauenmörder, der jahrzehntelang unbehelligt bleibt, weil er ein erfolgreiches Mitglied der Gesellschaft ist. So gesehen ist es bei uns zu schön und zu bürgerlich für die ganz harten Geschichten.

Das hat schon Friedrich Glauser beklagt.

Richtig. Es war schon damals unmöglich, den angesagten Krimistoff, den die angelsächsische Welt lieferte, einfach hierher zu übertragen. Die schöne Bergwelt, das gesittete Stadtleben. In den 1970ern und 1980ern gab es Versuche, in der Schweiz die Hard-boiled-Sachen und die Mafiageschichten aus dem englischen Sprachraum umzusetzen, das hat nicht funktioniert. Im Grunde hat sich die Situation bis heute nicht geändert.