Doppelte Karriere

Nebenjob #3

Meine Eltern immigrierten 1949 von Algerien nach Frankreich – sie waren Analphabeten und sehr arm. 1957, mitten im Krieg zwischen Frankreich und Algerien (1954 bis 1962), kam ich in Lyon auf die Welt. Da sind doch schon einige biographische Elemente, die einem jungen Menschen, der Schriftsteller werden will, Stoff bieten!

In jedem meiner 50 Bücher findet man Verweise auf meine Autobiographie, meine Eltern, meine Familie, meine Suche nach Identität, meine Herkunft, meine Kultur, auf Rassismus, auf die Leiden ethnischer Minderheiten… Diese Bezüge waren reich genug, um seit 1986 auch meine Forschungsarbeiten fürs Centre National de la Recherche Scientifique zu nähren. Im selben Jahr erschien mein erster Roman «Le Gone du Chaaba». Als promovierter Wirtschaftswissenschafter und Soziologe führe ich eine Doppelkarriere als Forscher und Schriftsteller. Meine Forschung beschäftigt sich mit der Integration von Minderheiten in Frankreich, mit den Problemen und Schätzen, die mit der Multikulturalität einhergehen, oder mit der Diversität und der Identität einer Person. Die Frage der Identität fasziniert mich sowohl wissenschaftlich (warum brauchen Banlieue-Jugendliche Allah, um sich zu bestätigen, obwohl die sie umgebende Gesellschaft laizistisch ist?) als auch literarisch. So erzählt mein 2017 in Genf bei La Joie de lire erschienener Roman «La voix de son maître» die Geschichte eines jungen Immigrantensohnes, der seinem Vater geschworen hat, nie nach Amerika zu gehen. Trotzdem entscheidet er sich dafür, weil er als Professor an die UCLA berufen wird. Das ist nur ein Beispiel, warum es für einen Soziologen so aufregend und entdeckungsreich ist, den Gegenstand seiner Analyse – etwa die Frage der Identität – literarisch zu erforschen. Soziologie und Literatur bereichern sich. So verschieden sie in ihren Formen sind, es erweisen sich die Intelligenz und Emotion, die sie an die Leser bringen, als unverzichtbar zum Verständnis einer Gesellschaft.

Am Schreiben bleiben
In Reih und Glied: Stifte von Ludwig Hohl (SLA, Bern).
 © Schweizerische Nationalbibliothek (NB), Simon Schmid.
Am Schreiben bleiben

Verzettelt sind sie alle – ob Petrarca oder Sargnagel. Ein Disput über Bilder von der Schriftstellerei, geführt mit Max Frisch aus der Tube.