Elishas Schal

Bern – Como: 4 Std. 19 Min.

Die Einladung einer der besten Gastgeberinnen der Welt, Frau Prof. I.I., an einen der schönsten Orte der Welt kann man nicht abschlagen, obwohl man sich nicht so fühlt, wie die Anrede verspricht: «Europäische Exzellenz». Und so sitze ich im Zug auf dem Weg zum Comer See, zur Villa Vigoni bei Menaggio, mit mir ein Buch, what else?, ein Gedichtband von Bettina Kaelin: «Das Wasser trägt uns» (Waldgut).

«Wir nehmen behutsam / den letzten Schluck Zeit. / Wir meinen uns / wissend, / doch sind wir es nicht. / Ein kleines Stück Grund / wartet auf uns. / Und will noch / erobert werden.»

Die Landschaften auf den zwei Seiten der Alpen sind unbeschreiblich, sie rauben den Atem, den Verstand und bringen ins Schwärmen. Seen, Wälder, Berge – alles auf engstem Raum, wie von einem genialen Gartengestalter erfunden. Und immer wieder scheint auch das Meer aus dieser Landschaft zuzuwinken. Kaelins Gedichte passen dazu. Sie lassen mir Zeit. 

«Doch ist es die Sehnsucht, / die bleibt /
und uns trägt. / Die Sehnsucht / nach allem.»

Manchmal bin ich dann froh um ganz banale Industrie-zonen. Die Architektur hat das Kubische entdeckt, überall. In Chiasso passiere ich die Grenze zu Fuss. Es gehöre sich so, denke ich, damit sie wirklich eine Bedeutung habe. Ein eigenartig langer Gang, wie einem Kafka-Roman entnommen, dann ein Schalter und die Frage danach, wie viel Geld ich wohl dabei habe. 

«Weck nicht / den Tiger in mir / Baby / denn der hat grosse Zähne / und könnt dich fressen / Baby.» 

In Como ein monströser Mercedes – wie im Film – mit getönten Scheiben im Fond, daneben ein Fahrer mit meinem Namen, drinnen schon die Schauspielerin Esther Elisha aus dem Film «Là-bas. Educazione criminale». Sie grüsst mich – und zieht sich danach in ihre Schlafsimulation zurück. Der Fahrer erzählt uns die Gegend, zeigt, wo Clooney wohnt, wo Silvio B. Der Tag wird heiss und wir sitzen klimatisiert. Elisha zieht einen Schal über ihren dargestellten Schlaf. 

«Das Wasser / trägt uns. / So lernen wir fliegen. / Richtung und Ziel – / keine Bedeutung.»  


Francesco Micieli ist Schriftsteller und hat bei Reisen stets ein Buch für uns in der Tasche.