Es tobt das Fieber

 

Ich habe die «Fieberkurve» zweimal gelesen, im Abstand von ein paar Jahren. Und war erstaunt, dass ich mich beim zweiten Lesen an kaum ein Element des Buches erinnern konnte. Geblieben war mir das vage Gefühl einer irisierenden Irritation: Wie Studer nach Marokko reist, dort Haschisch raucht, den Boden unter den Füssen verliert und zugleich den Durchblick in seinem verzwickten Fall rund um den ominösen Cleman alias Koller alias Collani gewinnt. Was des Wachtmeisters Glück, bleibt aber des Lesers Pech: Die Handlung der «Fieberkurve» ist dermassen labyrinthisch, verworren, doppelbödig, vieldeutig, schillernd, schwindelerregend, dass man nur zu gern die Übersicht verliert… Man müsste nach der letzten Seite gleich nochmals von vorn beginnen, um den Anfang zu verstehen, aber dann hätte man das Ende schon bald wieder vergessen, verschlungen von Komplikationen, die zwischen Beginn und Schluss warten. Auch dem Autor selbst kam das Buch beim Wiederlesen «wie ein ganz Fremdes vor». Es lohnt sich, herauszufinden, wo die tieferen Gründe dafür liegen.

Brissago kontra Haschischpfeife

Die Story beginnt mit dem Satz: «Da, lies!» Der Wachtmeister Jakob Studer befindet sich in Paris und hat ein Telegramm erhalten, das er mit diesen Worten seinem französischen Polizeikollegen reicht. Es stammt von seiner Frau und verkündet: «das junge jakobli lässt den alten jakob grüssen, hedy.» Studer ist Grossvater geworden, der Enkel trägt seinen Namen. Nicht gerade ein Einstieg, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Aber schon bald geht es auch um einen dubiosen Pater, mit dem der französische Kommissar Studer bekanntmacht. Dieser Pater war bei der Fremdenlegion in Marokko – und ist nun unterwegs in die Schweiz. Wegen des eigenen Bruders, der seine beiden Exfrauen umbringen will. Das hat dem Pater zumindest ein Hellseher prophezeit. Dieser Bruder namens Alois Victor Cleman hatte seinerzeit auch in Marokko gearbeitet, als Geologe. Von der ersten der besagten zwei Frauen hatte er sich scheiden
lassen, die zweite als Witwe zurückgelassen. Der Haken an der ganzen Verwirrnis? Alois Victor Cleman war schon vor fünfzehn Jahren in Fez nach einer plötzlichen Fieberattacke verstorben. Studer fragt sich also vollkommen zu Recht: Wie soll ein längst Verstorbener Frauen töten?

Unser Wachtmeister geht der Sache trotzdem nach – und findet die Frauen sogar. Leider zu spät. Beide sitzen tot in der Küche, als er eintrifft. Gasvergiftung. Selbstmord. Der Wachtmeister beginnt mit seinen Ermittlungen. Der Fall klärt sich jedoch nicht auf, sondern wird im folgenden nur immer komplizierter. Lynchs «Twin Peaks» oder Thomas Pynchons Paranoia-Systeme lassen grüssen: Zuerst stellt sich heraus, dass der Pater nur ein Halbbruder von Alois ist, bald ist er gar keiner mehr. Es stellt sich zudem heraus, dass etwas an diesem Tod in Fez nicht stimmen kann. Dass die Fieberkurve aus dem marokkanischen Hospital gar keine Fieberkurve ist, sondern ein verschlüsselter Schatzplan. Und dass der Hellseher und Alois ein und dieselbe Person sind. Und… nun, machen wir es kurz: Der von Studer erhoffte «grosse Fall» stellt sich als Albtraum heraus, nicht nur für ihn, der sich damit bei der Berner Polizei nach einem fatalen
Versagen rehabilitieren will, sondern für jeden, der versucht, der Welt mit den Mitteln der Vernunft beizukommen. Am Ende verschlägt es Studer in den Garnisonsposten in der Sahara, wo alle Recherchen buchstäblich im Sand verlaufen.

Wenn die Welt auseinanderfällt…

Friedrich Glauser berichtete in seinen Briefen oft von Angst- und Panikattacken. In der «Fieberkurve» findet sich sein Protagonist Studer eines Nachts allein in Paris, wo ihn dasselbe Schicksal ereilt. Er hat sich mit einem Freund, dem Kommissar, verabredet, der jedoch unauffindbar bleibt. Und plötzlich bricht alles über dem sonst so bodenständigen Studer zusammen. Nicht einmal der Alkohol bringt Linderung: es herrschen Unordnung, Chaos, kalte Verzweiflung. «Der einsame Wachtmeister hatte den Eindruck, dass mit ihm gespielt wurde – und es war ein grausames Spiel, grausam deshalb, weil er die Regeln nicht kannte.» Gut vorstellbar, dass die verwirrende, undurchschaubare Welt der «Fieberkurve» Glausers eigenes Lebensgefühl spiegelte, denn der drohende Zusammenbruch in Paris bleibt im Romanverlauf kein Einzelfall.

1937 noch hat Glauser in einem Brief an den Journalisten und guten Freund Josef Halperin einen Abriss seiner Biographie gegeben. Es ist eine Biographie, die in Fetzen, in unzusammenhängende Einzelteile zerfällt. Ihre einzigen Konstanten sind «Mo.» (Morphium) und Schreiben:

«1896 geboren in Wien von österreichischer Mutter und Schweizer Vater. Grossvater väterlicherseits Goldgräber in Kalifornien (sans blague), mütterlicherseits Hofrat. Volksschule, 3 Klassen Gymnasium in Wien. Dann 3 Jahre Landerziehungsheim Glarisegg. Dann 3 Jahre Collège de Genève. Dort kurz vor der Matura hinausgeschmissen…Kantonale Matura in Zürich. 1 Semester Chemie. Dann Dadaismus. Vater wollte mich internieren lassen und unter Vormundschaft stellen. Flucht nach Genf … 1 Jahr (1919) in Münsingen interniert. Flucht von dort. 1 Jahr Ascona. Verhaftung wegen Mo. Rücktransport. 3 Monate Burghölzli (Gegenexpertise, weil Genf mich für schizophren erklärt hatte). 1921–1923 Fremdenlegion. Dann Paris Plongeur. Belgien Kohlengruben. Später in Charleroi Krankenwärter. Wieder Mo. Internierung in Belgien. Rücktransport in die Schweiz. 1 Jahr administrativ Witzwil. Nachher 1 Jahr Handlanger in einer Baumschule. Analyse (1 Jahr) … Als Gärtner nach Basel, dann nach Winterthur. In dieser Zeit den Legionsroman geschrieben (1928/29), 30/31 Jahreskurs Gartenbauschule Oeschberg. Juli 31 Nachanalyse. Januar 32 bis Juli 32 Paris als ‹freier Schriftsteller› (wie man so schön sagt). Zum Besuch meines Vaters nach Mannheim. Dort wegen falschen Rezepten arrestiert. Rücktransport in die Schweiz. Von Juli 32–Mai 36 interniert. Et puis voilà. Ce n’est pas très beau…»

Was Glauser verschweigt: Dass seine geliebte Mutter starb, als er vier war. Und er fortan ein Leben lang vor dem gefühlskalten Vater floh und doch immer wieder in seinem Würgegriff landete. Dessen Blick auf den Sohn? Ein missratener Versager! Typischer Fall einer elterlichen self-fulfilling prophecy, die dann aber doch nicht ganz aufging, denn: wer erinnert sich heute noch an Glauser senior?

Der Glauser im Wachtmeister?

Sehr wohl im kollektiven Gedächtnis geblieben ist Glauser junior. Als Krimiautor, als Erfinder einer literarischen Ikone namens Studer. Man ist überdies versucht, Friedrich Glauser aufgrund seines nomadischen Lebenswandels mit seinem neun Jahre früher geborenen Landsmann Blaise Cendrars zu vergleichen, über den ich in der letzten Ausgabe des «Literarischen Monats» schrieb. Ja: Friedrich und der gebürtige Frédéric. Beide zog es nach Paris, beide waren in der Fremdenlegion. Beide begannen mit Lyrik, um später zu einem spannenden, zupackenden Erzählstil zu finden. Beide arbeiteten in verschiedensten Berufen; Glauser studierte ein bisschen Chemie, Cendrars etwas Medizin. Beide waren nicht eigentlich Intellektuelle, eher Autodidakten, die intensive Kontakte in der Kunstszene unterhielten, Glauser mit der Dada-Bewegung, Cendrars mit Chagall, Léger, Modigliani. Beide Biographien zeichnet der unstete, zentrifugale (und nicht gerade abstinente) Lebensstil aus, der sich auch in ihrer «den Hag sprengenden» Erzählweise niederschlug.

Aber es gibt einen gewichtigen Unterschied. Auch wenn Glauser und Cendrars ähnliche Wege nahmen, so fühlte sich der unsichere, verletzliche Glauser oft als Opfer der Umstände, während Cendrars auch noch bei seinen absurdesten Unternehmungen den Eindruck einer wunderbar selbstbewussten, autonomen Vorsätzlichkeit eines freien, mutigen Menschen macht. Sie waren beide Abenteurer, aber der eine freiwillig, der andere (eher) unfreiwillig. Der leidende Glauser, nur in rosa Morphiumwatte gepackt seiner Welt einigermassen gewachsen, war kein Draufgänger wie Cendrars. Beispiel Fremdenlegion: Nach Entziehungskuren, Psychiatrieaufenthalten und Suizidversuchen floh Glauser 1921 zu seinem verhassten Vater nach Mannheim, der ihm einen Platz als légionnaire vermittelte (oder ihn «nach Marokko verschacherte», wie es andere nennen). Nach zwei Jahren wurde er wegen eines Herzleidens entlassen. Cendrars meldete sich hingegen gleich nach Kriegsausbruch 1914 bei der Legion, einfach um seinem geliebten Frankreich beizustehen. Er verlor seine rechte Hand im Gefecht – aber in seinem Werk finden sich meines Wissens weder Selbstmitleid noch Reue.

Es ist vor diesem Hintergrund erstaunlich, dass sich der zerrissene, am Rand der Gesellschaft lebende Glauser ausgerechnet in den bodenständigen, kleinbürgerlichen Wachtmeister projizierte. Glausers behäbiger, mit Dialektelementen durchsetzter Erzählstil, zusammen mit dem währschaften Prot-agonisten: diese ganze volkstümliche Gemütlichkeit hat Generationen von Lesern über die Brüchigkeit der Studer-Krimis hinweggetäuscht. Sie tritt in der «Fieberkurve» derart offensichtlich zutage, dass man sich fragen muss, ob jene, die den bodenständigen Detektiv Studer lieben, ihn nicht dramatisch missverstanden haben.

Das Ende der urchigen Wachtmeisterrezeption

Denn schon bald nach den ersten Pariser Beinahezusammenbrüchen Studers beginnt das Karussell um ihn herum zu drehen, erst langsam, dann immer rasanter, bis der Wachtmeister – der Höhepunkt des Romans – am Tiefpunkt seiner Recherchen ankommt. Statt als ein souveräner Ermittler alle Fäden zu einer triumphalen Synthese zu verknüpfen, zerrinnt ihm unter dem Einfluss der Haschischpfeife, die er bei einem armen Mulatten raucht, sein ganzes Weltbild. Er hat das Gefühl, niemals mehr fähig zu sein, seine Tätigkeit bei der Berner Fahndungspolizei aufzunehmen – er schüttelt den ganzen Bürgerapparat ab. «Ins Bureau? Wozu?», fragt er sich. «Was nützte alles Tun? Warum nahm man sich so wichtig, reiste mit falschen Pässen, suchte nach verschwundenen Leuten, wollte einen Schatz heben? Nur ein winziger Tropfen war man doch im Nebelschwaden der Menschheit – und verdunstete…»

Diese Passage ist eine Schlüsselstelle in Glausers Werk, gerade weil sie nicht zum wackeren Studer passt. In keinem anderen Studer-Krimi ist die Fallhöhe zwischen seinem (Anti-)Helden und seinem «Fall» grösser als in der «Fieberkurve». Die Spannung (im doppelten Sinne des Wortes) ist so gross, dass die Geschichte mitsamt ihrem Prot-agonisten auseinanderzureissen droht, das Übermass an kompliziertem, konstruiertem Sinn sich in wüstenhafte Sinnlosigkeit auflöst. Und der Krimi zur absurden Parodie, zum Antikrimi wird.

Der allzeit geerdete Wachtmeister bürgt dafür, dass das vordergründig nicht passiert. Seine demonstrierte Bodenhaftung wacht wie ein angelegter Panzer darüber, dass noch die höchste Unwahrscheinlichkeit vermeintlich handfest daherkommt. Weiter als in der «Fieberkurve» konnte Glauser seine Figur aber unter seinem Panzer nicht mehr aushöhlen. Zweifellos hätte der Autor das Korsett seiner Studer-Krimis sprengen müssen. Vielleicht wäre er zur Kreation eines neuen Protagonisten gekommen, der die unvereinbaren Aspekte seiner Person zusammengeführt hätte.

Aber erinnern wir uns: Friedrich Glauser schrieb seine fünf Studer-Krimis erst in den letzten drei Lebensjahren – sie dokumentieren, wie der Wachtmeister vom Vorzeigedetektiv langsam, aber sicher in die Unzurechnungsfähigkeit abgleitet. In der «Fieberkurve» kulminiert die Erschütterung des eingeschönten Wachtmeisterbildes. Glausers Schreiben aber war ein Rennen gegen die Uhr. Die «Fieberkurve» erschien erst einen Monat vor seinem Tod. Im Alter von nur 42 Jahren starb er am 8. Dezember 1938 in Nervi bei Genua, am Vorabend seiner Hochzeit, die ihn zugleich endlich von der langjährigen amtlichen Bevormundung befreit hätte. Schlaftabletten, tiefe Bewusstlosigkeit. Danach: Herzversagen. Kälte.

Am Ende der «Fieberkurve» bittet der frierende Studer den Capitaine der Fremdenlegion um einen Mantel. Mit Befriedigung zieht er ihn an. «So konnte er einmal vor seinem Tode die Uniform tragen, von der er so oft geträumt hatte in Bern, an den Tagen, da ihm alles verleidet gewesen war…»

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»