Es tobt das Fieber

«Die Fieberkurve» von Friedrich Glauser, dem «Vater» des deutschsprachigen Krimis, ist vordergründig eine konventionell und linear erzählte Geschichte um den bodenständigen Wachtmeister Studer, so nüchtern und sachlich wie ihr medizinischer Namensgeber. Aber unter dieser Oberfläche wütet doch viel mehr.

Ich habe die «Fieberkurve» zweimal gelesen, im Abstand von ein paar Jahren. Und war erstaunt, dass ich mich beim zweiten Lesen an kaum ein Element des Buches erinnern konnte. Geblieben war mir das vage Gefühl einer irisierenden Irritation: Wie Studer nach Marokko reist, dort Haschisch raucht, den Boden unter den Füssen verliert und zugleich den Durchblick in seinem verzwickten Fall rund um den ominösen Cleman alias Koller alias Collani gewinnt. Was des Wachtmeisters Glück, bleibt aber des Lesers Pech: Die Handlung der «Fieberkurve» ist dermassen labyrinthisch, verworren, doppelbödig, vieldeutig, schillernd, schwindelerregend, dass man nur zu gern die Übersicht verliert… Man müsste nach der letzten Seite gleich nochmals von vorn beginnen, um den Anfang zu verstehen, aber dann hätte man das Ende schon bald wieder vergessen, verschlungen von Komplikationen, die zwischen Beginn und Schluss warten. Auch dem Autor selbst kam das Buch beim Wiederlesen «wie ein ganz Fremdes vor». Es lohnt sich, herauszufinden, wo die tieferen Gründe dafür liegen.

Brissago kontra Haschischpfeife

Die Story beginnt mit dem Satz: «Da, lies!» Der Wachtmeister Jakob Studer befindet sich in Paris und hat ein Telegramm erhalten, das er mit diesen Worten seinem französischen Polizeikollegen reicht. Es stammt von seiner Frau und verkündet: «das junge jakobli lässt den alten jakob grüssen, hedy.» Studer ist Grossvater geworden, der Enkel trägt seinen Namen. Nicht gerade ein Einstieg, der einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Aber schon bald geht es auch um einen dubiosen Pater, mit dem der französische Kommissar Studer bekanntmacht. Dieser Pater war bei der Fremdenlegion in Marokko – und ist nun unterwegs in die Schweiz. Wegen des eigenen Bruders, der seine beiden Exfrauen umbringen will. Das hat dem Pater zumindest ein Hellseher prophezeit. Dieser Bruder namens Alois Victor Cleman hatte seinerzeit auch in Marokko gearbeitet, als Geologe. Von der ersten der besagten zwei Frauen hatte er sich scheiden
lassen, die zweite als Witwe zurückgelassen. Der Haken an der ganzen Verwirrnis? Alois Victor Cleman war schon vor fünfzehn Jahren in Fez nach einer plötzlichen Fieberattacke verstorben. Studer fragt sich also vollkommen zu Recht: Wie soll ein längst Verstorbener Frauen töten?

Unser Wachtmeister geht der Sache trotzdem nach – und findet die Frauen sogar. Leider zu spät. Beide sitzen tot in der Küche, als er eintrifft. Gasvergiftung. Selbstmord. Der Wachtmeister beginnt mit seinen Ermittlungen. Der Fall klärt sich jedoch nicht auf, sondern wird im folgenden nur immer komplizierter. Lynchs «Twin Peaks» oder Thomas Pynchons Paranoia-Systeme lassen grüssen: Zuerst stellt sich heraus, dass der Pater nur ein Halbbruder von Alois ist, bald ist er gar keiner mehr. Es stellt sich zudem heraus, dass etwas an diesem Tod in Fez nicht stimmen kann. Dass die Fieberkurve aus dem marokkanischen Hospital gar keine Fieberkurve ist, sondern ein verschlüsselter Schatzplan. Und dass der Hellseher und Alois ein und dieselbe Person sind. Und… nun, machen wir es kurz: Der von Studer erhoffte «grosse Fall» stellt sich als Albtraum heraus, nicht nur für ihn, der sich damit bei der Berner Polizei nach einem fatalen
Versagen rehabilitieren will, sondern für jeden, der versucht, der Welt mit den Mitteln der Vernunft beizukommen. Am Ende verschlägt es Studer in den Garnisonsposten in der Sahara, wo alle Recherchen buchstäblich im Sand verlaufen.

Wenn die Welt auseinanderfällt…

Friedrich Glauser berichtete in seinen Briefen oft von Angst- und Panikattacken. In der «Fieberkurve» findet sich sein Protagonist Studer eines Nachts allein in Paris, wo ihn dasselbe Schicksal ereilt. Er hat sich mit einem Freund, dem Kommissar, verabredet, der jedoch unauffindbar bleibt. Und plötzlich bricht alles über dem sonst so bodenständigen Studer zusammen. Nicht einmal der Alkohol bringt Linderung: es herrschen Unordnung, Chaos, kalte…