Feuerwerk und Flüstern

Mit jedem Post betteln wir um Liebe.

Feuerwerk und Flüstern
Mireille Zindel, fotografiert von Oksana Bernold.

Ich habe eine Theorie: Man postet für eine einzige Person. Likt sie es, ist man glücklich, likt sie es nicht, na ja. Selbstvermarktung hin oder her – betteln wir in Wahrheit nicht mit jedem Post um Liebe? Die Chancen, welche zu bekommen, stehen schlecht.

Wenn jede konstant die anderen beschallen muss, die auch berühmt werden wollen, wird am Ende alles überhört. Vor lauter Rauschen fehlt der Klang. Zum Klang gehört Nachklingen und Nachhören. Alles Seelische ist irgendwie Klang, Geräusche sind im weitesten Sinne Seelenkunde. Klang hat eine eigene zeitliche Struktur. Klang ist eine Erinnerung. Bricht man diesen Prozess immer wieder ab, hat man gar kein Bewusstsein mehr, was man wahrnimmt. Das ist das Phänomen des Feuerwerks: Am schönsten ist es immer am Schluss.

Die Überlebensmaxime «Glanz verbreiten und Lärm produzieren» birgt ein Problem: Was passiert, wenn jeder das tut? Dann befindet man sich plötzlich auf der anderen Seite der goldenen Regel und es heisst: «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch jedem andern zu.»

Da verhalte ich mich lieber ruhig. Der Künstler als Geheimnis. Banksy was here. Der unbekannte Typ, der seine Sprayereien hinterlässt, sonst nichts. Das kennen wir auch aus der Literatur: Das letzte Foto von Thomas Pynchon ist vierzig Jahre alt, J. D. Salinger hinterliess in seinen letzten fünf Lebensjahrzehnten nicht einmal mehr Bücher. Und ist die Person hinter Elena Ferrante nun eine Übersetzerin, ein Mann oder beides zusammen? Für einmal das genaue Gegenteil der Omnipräsenz in den (sozialen) Medien: die Abwesenheit, das Fehlen. Nirgends gibt es so viel Aufmerksamkeit, wie wenn einer seltene Auftritte hat. Nie hört das Publikum im Theater so gut hin, wie wenn der Schauspieler flüstert. Das Rätselhafte zieht uns an. Doch um mit Schweigen bekannt zu bleiben, muss man irgendwie schon aufgefallen sein. Also aufhören mit dem Ersatz und beginnen mit der Sache selbst, dem Buch. Und diese Kolumne ist jetzt fertig.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»