Laura Vogt, zvg.

«Ich möchte ein Buch zur Welt bringen wie ein Kind»

Von Babies und Büchern.

Ich sitze im Arbeitszimmer und lese Ruth Schweikerts jüngstes Buch «Tage wie Hunde» (Fischer, 2019). Ab und zu notiere ich einige Sätze, während meine acht Wochen alte Tochter im Wohnzimmer schläft. Seit ihrer Geburt komme ich nicht oft zum Schreiben, aber es hat sich einiges angestaut, das fühle ich körperlich, und ich stelle mir gerne vor, dass ein Prozess beginnt, wie ihn Ruth Schweikert beschreibt: «(N)eun Monate wächst es in meinem Körper heran und wird von einer Plazenta mit allem Notwendigen versorgt; was für ein Geschenk, welch ein Glück, nicht zu wissen, wie es aussieht; ob es weiblich ist oder männlich, ein Zwischen­wesen, ein Doppelgesicht; (…) so ausgebildet, so fertig, von drüben erzählend.»

Täglich blicke ich in die Augen meiner Tochter, die von «drüben» berichten: grosse und wissende, gleichzeitig fragende graublaue Augen. Immer wieder muss ich den Blick abwenden, denn diese Augen haben etwas zu sagen, und es schmerzt mich, keine Übersetzung zu finden.

Auch ich will ein Buch zur Welt bringen wie ein Kind; will von «drüben» erzählen. Was für eine schöne Vorstellung: Ein Text wird in mir heranwachsen, von den Themen, die mich beschäftigen, wie von einer Plazenta versorgt. Schon jetzt warte ich ungeduldig darauf, wie er sich präsentieren wird: Als «Büchlein», wie Ruth Schweikert den Band über ihre Krebserkrankung nennt, als Fragment, als tausendseitiger Wälzer?

In der Zwischenzeit steige ich wie nebenbei ins Lektorat an meinem Romanmanuskript ein und stille meine Tochter alle drei Stunden. Ihre Plazenta liegt bereits vergraben im nahen Wald. Vielleicht wurde sie von einem Fuchs ausgebuddelt und verspeist, und er heckt nun – gut genährt – Pläne aus, wie er an seine nächste Mahlzeit gelangen könnte. Während ich über die List des Fuchses nachdenke, taucht er vor dem Fenster meines Arbeitszimmers auf und blickt mich an. «Wo sind deine Kinder?», fragt er. Ich notiere: im Bauch, im Kopf; in der Wippe, im Bücherregal.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»