Freiheit oder so…

Yusuf Yesilöz: Hochzeitsflug. Zürich: Limmat, 2011.

Kennen Sie den: Was hat vier Beine und kann fliegen? Falsch… auch falsch… soll ich helfen… also gut: ein Tisch und ein Vogel. Ja, das war schwer. Versuchen wir etwas Näherliegendes, wir müssen nur zur Dönerbude in der Bischofstrasse gehen, zum «Beyto Kebab House»: Was hat zwei Leben und möchte nur noch heulen? Denken Sie an den Sohn, den jungen Beyto, der gerade die Ausbildung zum Informatiker macht, davon erzählt doch der Vater allen Kunden. Was Sie und der Vater aber nicht wissen: Beyto ist frisch verliebt, ganz heimlich, über beide Ohren. Und zwar in Manuel. Der vollständig inte-grierte Sohn kann seinen ewig fremden muslimischen Eltern eine solche Schmach nicht antun… – halt! Hier hört der Spass auf. Das ist das 21. Jahrhundert, wir leben in einem aufgeklärten, säkularen, toleranten, freien Staat, in dem jedermann nach seiner Façon glücklich werden darf. Nur Beyto nicht. Und das ist das Dilemma. Im Gegensatz zu ihm sind seine Eltern nie in der Schweiz angekommen, sie sind mit dem Herzen noch immer im Heimatdorf in der Türkei.

Der Titel «Hochzeitsflug» von Yusuf Yesilöz’ aktuellem Roman verrät schon, was Beyto blüht. Vergessen Sie aufgeklärt, vergessen Sie säkular, vergessen Sie tolerant und frei. Es gibt eine andere Welt, zwei Flugstunden entfernt, und obwohl wir alle bereits Geschichten gehört haben von Zwangsheiraten und Familienehre, versteht Yesilöz doch zu faszinieren mit seinen bildreichen, bunten, lebendigen Eindrücken des reichen türkischen Dorflebens, den opulenten Geschenken, der masslosen Gastfreundschaft, den überbordenden Festlichkeiten und den brutalen Zwängen, die hinter diesem Sittengemälde stehen.

So kehrt der verwirrte, überforderte und zu einem Häufchen Elend eingefallene Beyto zurück in die Bischofstrasse und an dieser Stelle, bei dieser Landung, verliert Yesilöz seine Technicolor-Perspektive. Ab hier wird das Leben blass, die Gefühle nüchtern, die herbeigeredete Zuspitzung ein müder Abklatsch der Hochzeitszeremonie. So kommt, was nicht kommen darf: der Leser wünscht sich zurück ins türkische Dorf – obwohl Yesilöz den weltfremden oder nennen wir ihn «westfremden» Blick der frühen Einwanderergenerationen anzuprangern versucht. Dem Schweizer Beyto allerdings fehlt, was der Türke Beyto hatte: zur Tragik die Grösse, zum Heldentum der Mut und zum Verspotten die Statur. So ist der «Hochzeitsflug» ungewollt in zwei Teile zerschnitten, in zwei Leben, aber nur eins ist zum Heulen, das andere ist egal. Ein Buch und ein Flug. Ein Tisch und ein Vogel.