Implodierende Screens

Der Medienwandel verändert alle Lebensbereiche, auch den Literaturbetrieb und die Literaturkritik. Einst herrschte zwischen Dichtern und Kritikern strikte Arbeitsteilung. Heute stecken beide im selben Räderwerk der Digitalisierung.

Wenn eine Jolle ins Schlingern gerät, denkt die Besatzung, sie sei in der Krise. Der Standpunkt ist logisch: Man hat Angst vorm eigenen Untergang. Aber in der Angst verengt sich der Blick.

Journalisten denken sich den Medienwandel deshalb als «Zeitungskrise». Dabei ist er sogar mehr als ein Medienwandel, mehr als ein Strukturwandel der Öffentlichkeit. Zieht man den Fokus auf, sieht man viele Jollen in Not: Der Bruch der Digitalisierung betrifft alle Bereiche des Lebens, die Automobilindustrie, die Medizin, die Landwirtschaft – und auch den Literaturbetrieb. Schriftstellerinnen und Schriftsteller versuchen sich ihren Statusverlust aus der eigenen Geschichte zu erklären. Einst waren Dichter Helden der Nation oder des Widerstands, die Kritiker deren Steigbügelhalter. Nun stecken beide im Räderwerk des Literaturbetriebs. Auch Bücher, nicht nur Zeitungen stehen als Medium in Frage.

Der Perlentaucher ging am 15. März 2000 ans Netz. Internetjahre sind Hundejahre: Der Perlentaucher ist also ein Methusalem. Wir beziehen uns mit unserem kleinen Internetmagazin immer noch stark auf die Zeitungsöffentlichkeit. Morgens liefern wir eine Feuilletonrundschau, die allerdings immer mehr Quellen in den Blick nimmt, keineswegs mehr nur Zeitungen, die im Jahr 2000 noch eindeutig den Diskurs regierten. Mittags liefern wir mit unseren Notizen zu den Buchkritiken der grossen Zeitungen einen täglichen Querschnitt durch den Qualitätsbuchmarkt. Der Perlentaucher ist eine noch viel kleinere Jolle und wird vom Orkan genauso mitgerissen wie alle anderen Medien. Aber er navigiert doch ausserhalb der Flotte und hat darum vielleicht einen etwas besseren Überblick.

Wir wussten nicht, dass die Woche, in der wir starteten, eine historische war: Zwei Tage vor dem Start des Perlentauchers war die Dotcom-Blase geplatzt, und es setzte eine der rasantesten Baissen der Wirtschaftsgeschichte ein, die sich durch den 11. September 2001 noch beschleunigte und uns viel mehr betraf als uns lieb war. Sicher, der Literaturbetrieb läuft wirtschaftlich nicht ganz in den gleichen Bahnen wie die Medien, in denen er sich wesentlich spiegelt, aber die Zeitungen gerieten nach diesem Crash in eine nicht enden wollende Phase des Katers, des Schwindens und der Zweifel.

Die Medien mussten mehr als eine bittere Wahrheit schlucken. In den Boomjahren vor dem Crash hatten sie selbst noch als Teil der «New Economy» gegolten. Die Zeitungen barsten vor Anzeigen. Der Spiegel hatte zuweilen 400 Seiten. Kaufte man am Samstag die Frankfurter Allgemeine Zeitung, musste man erstmal den hundert Seiten dicken Stellenmarkt aus dem kiloschweren Konvolut lösen und nicht vergessen, die Tiefdruckbeilage mit den Literaturkritiken aus dem Anzeigenteil zu ziehen, in den sie eingelegt war. Was nach Entsorgung des Stellenmarkts von der Zeitung übrig blieb, war immer noch doppelt so dick wie heute. Im Crash mussten die Journalisten lernen, dass es nicht nur bergab ging, sondern dass sie ganz und gar nicht in einer Zukunftsbranche arbeiteten, wie sie es ihren eigenen Experten aus dem Wirtschaftsteil immer geglaubt hatten.

Der Perlentaucher schreibt zu jeder Buchkritik ab einer gewissen Länge (Faustregel: 60 bis 80 Zeitungszeilen) in den überregionalen deutschen Zeitungen und der NZZ eine resümierende Notiz. Im Jahr 2001 verfassten wir noch 6.680 Notizen zu 4.330 Neuerscheinungen, im Jahr 2015 waren es 3.688 Notizen zu 2.090 Büchern. Die Zahl der von uns ausgewerteten Buchkritiken der FAZ sank von 2.117 im Jahr 2001 auf 1.061 im Jahr 2015, die Vergleichszahlen der NZZ sanken von 1.420 Buchkritiken Jahr 2001 auf 508 Buchkritiken im Jahr 2015.

Übrigens ist der Sachbuchbereich stärker geschrumpft als der belletristische: Die Zahl der reinen Literaturkritiken, die vom Perlentaucher ausgewertet wurden, sank von 3.140 im Jahr 2001 auf 2.034 im Jahr 2015.

Wie schön die Zeitungen seinerzeit waren! Die Krone der Kritik waren für uns immer die Samstagsbeilage Bilder und Zeiten der FAZ, in Hochglanz und Tiefdruck mit den berauschenden Schwarzweissfotos von Barbara Klemm und natürlich die vornehme, kosmopolitische und elegante Literatur und Kunst der NZZ. Hinzu kamen die Buchmessenbeilagen: 64 Seiten hatte die Beilage der FAZ im Jahr 2001 und nur noch 24 im Jahr 2015. Die erste Kritik, die wir jemals auswerteten, die Nummer 1 in unserer Datenbank, ist Thomas Steinfelds Rezension von Michel Houellebecqs «Elementarteilchen», mit der die FAZ im Jahr 1999 ihre Buchmessenbeilage aufmachte. Als wir im Jahr 2000 starteten, wollten wir nicht mit einer ganz leeren Buchdatenbank loslegen – darum hatten wir die Messebeilagen von 1999 schon ausgewertet.

 

Das Ende der grossen Debatten

Michel Houellebecq ist ein symbolischer Name. Er gehört zu den allerletzten Literaten, deren Romane noch Debatten jenseits des Betriebs auslösen. Das Wort Literaturbetrieb beschreibt ja durchaus ein Problem: Der Literaturbetrieb ist jene Maschinerie aus Verlagen, Zeitungen, Preisjurys, Literaturhäusern, öffentlich-rechtlichen Anstalten und Autoren, die zur Not auch im Leerlauf vor sich hin surrt. Schon im Wort steckt der Verdacht, dass sich der Betrieb als ein Gefüge gegenseitiger Abhängigkeiten und durch Subventionen gesicherter Parcours selbst genügt. Vielleicht ist er jenes Gebilde, das dazu dient, Literatur gesellschaftlich und politisch zu neutralisieren.

Die Frage, ob Literatur jenseits des Betriebs von Bedeutung ist, ermisst sich allein am Streit. Wovon nicht geredet wird, das ist nicht von Belang. Welches waren also die grossen literarische Kontroversen der letzten zwanzig Jahre? Welche Bücher haben in der deutschsprachigen Sphäre Streit ausgelöst, welche Debatten wurden von Schriftstellern lanciert? Der Rückblick zeigt, dass hier das Jahr 2000 längst nicht so einen Einschnitt bedeutete wie für die Medien. Der Verfall begann früher, interessanterweise also auch vor dem Siegeszug des Internets.

Im emphatischeren Sinne literarisch waren diese Debatten eigentlich gar nicht. Eher drängt sich mir der traurige Eindruck auf, dass es sich um Demontagen oder auch Selbstdemontagen von Autoren handelt. Vielleicht ist hier 1989 die Zäsur. Es fing an mit dem furiosen, von Frank Schirrmacher entfesselten Streit um Christa Wolfs Erzählung «Was bleibt», dessen Kollateralschaden die Autorin selbst war. Dann folgte Botho Strauss‘ «Anschwellender Bocksgesang», ein grossartiger Text mit sprachlicher Prägekraft, aber zugleich ein Manifest der Reaktion und des Rückzugs in den Hortus conclusus. 1995 war vielleicht das letzte Mal, dass Literatur auf dem Cover des Spiegel erschien: Marcel Reich-Ranicki zerriss auf dem Titelbild ein Exemplar von Günter Grass‘ Roman «Ein weites Feld». Im Januar 1996 veröffentliche Peter Handke in der Süddeutschen Zeitung seine «Winterliche Reise» nach Srebrenica und erhob die Leugnung eines Massakers zur literarischen Form. Handke ist in der Literatur bis heute ein grosser Name, aber die Kritik trennt bei ihm seither das Literarische und das Politische wie ein Koch das Gelbe und das Weisse vom Ei. Das Jahrzehnt endete scheinbar mit dem Triumph eines Autors: Martin Walsers Friedenspreisrede und die Debatte um den Text schienen nochmal zu beweisen, zu welchen Kristallisationen die Gestalt des Autors fähig war. Das Feuilleton der FAZ war Walsers Kirche und Resonanzraum. Die Entthronung Walsers durch Frank Schirrmacher war umso grausamer.

Die Debatte um Walsers Roman «Tod eines Kritikers» folgte der für Schirrmacher typischen Dramaturgie der Machtprobe. Der Suhrkamp Verlag sollte das Buch nicht publizieren. Siegfried Unseld, ein weiterer Zampano des literarischen Lebens, lag just in diesem Moment im Sterben. Das Buch erschien zwar. Aber Walser verliess dann Suhrkamp. Auch er verlor seinen Status.

Um 2000 war die grosse Nachkriegsgeneration der deutschsprachigen Literatur, die Generation der Gruppe 47, nur mehr ein Schatten ihrer Selbst. Das galt auch für die DDR-Autoren. Heiner Müller, der die Wende besser überstanden hatte als Christa Wolf, starb 1995. Ihm waren in den Jahren 1989 und 90 Thomas Bernhard und Friedrich Dürrenmatt vorausgegangen. Keine der grossen Debatten der neunziger Jahre, in denen diese Generation abserviert wurde, war dem Muster der «Querelle des Anciens et des modernes» gefolgt: Sie handelten nicht von Macht und Funktion der Literatur. Die letzten wirklich grossen, von literarischen Texten ausgelösten Debatten waren vielleicht die um Rainer Werner Fassbinders Stück «Der Müll, die Stadt und der Tod» im Jahr 1986 und die um Thomas Bernhards «Heldenplatz» im Jahr 1988. Von einer anderen, im emphatischen Sinne literarischen Debatte, blieb der deutsche Literaturbetrieb merkwürdig unberührt: Salman Rushdie hatte in den «Satanischen Versen» den Terror der grossen Erzählungen durch die Fiktionen der Literatur entzaubern wollen. Die Debatte um das Buch rührte an einen Lebensnerv der Kunst und ging der breiten Debatte um Islam, Islamismus und Integration um Jahre voraus.

Da es die Kontroversen der neunziger Jahre eben nicht um wirklich literarische Themen kreisten, trat nicht einfach eine neue Generation von Charismatikern an die Stelle einer alten wie es im 19. und 20. Jahrhundert so oft geschehen war. Der Zürcher Literaturstreit von 1966 war noch ein solcher Generationenstreit gewesen. Er handelte von Sinn und Moral der Literatur. Der Streit um Emil Staigers berühmt-berüchtigte Rede verlieh Max Frisch und anderen Autorität als Repräsentanten des literarisch Neuen. Nun aber trat an die Stelle der Charismatiker nichts als der Betrieb. Autorinnen, die irgendwie herausragen, wie Herta Müller, wirken da fast wie Aussenseiter. Ihr literarischer Rang verleiht ihnen vielleicht Glanz, aber nicht Macht. Auch im Journalismus fällt auf, dass das literarische Feld nicht mehr dazu taugt, Machtpositionen zu definieren. Marcel Reich-Ranicki oder Fritz J. Raddatz sahen sich als Kritiker, nicht als Hierarchen des Mediensystems. Die Position in den Medien war für sie nur Funktion, um Macht im Feld der Literatur auszuüben. Das drehte sich: Nun kamen Kritiker, die Macht in den Medien suchten.

 

Medien und Macht

Der grosse Zampano hiess jetzt Frank Schirrmacher, der über zwei Jahrzehnte lang die kulturelle und intellektuelle Öffentlichkeit in Deutschland (und auch in der Schweiz) elektrisierte. Es ist symptomatisch, dass sich der ehemalige Literaturchef der FAZ, sobald er Herausgeber war, kaum mehr für Literatur interessierte. Das von Craig Venter entschlüsselte Genom, eine sinnlose Buchstabenfolge, die sich über mehrere Seiten dehnte: Das war Schirrmachers neues Nibelungenlied. Statt mit Martin Walser und dessen Kampf mit der Auschwitzkeule verbündete sich er jetzt mit John Brockman, der auf edge.org die schnittigsten Debatten der «dritten Kultur» organisierte. Vor allem aber prägte Schirrmacher mit wachsendem Einfluss bis zu seinem Tod den deutschen Diskurs über das Internet und landete dabei doch wieder – bedauerlicherweise, für die Diskussion – in der Kulturkritik deutscher Brauart.

Dass man in Deutschland am Internet mäkelte, bevor man es recht zur Kenntnis nahm, ist massgeblich Schirrmachers Bocksgesängen zu verdanken. Er schaffte es ja sogar, sich mit vermeintlichen Diskursgegnern wie Constanze Kurz vom Chaos Computer Club oder dem Blogger Sascha Lobo zu verbünden, die für ihn die dunklen Seiten des Netzes ausmalten. Den Satz «Das Internet ist kaputt» schrieb Lobo nach Aufdeckung der Snowden-Papiere in der FAZ. Seinen letzten Kampf führte Schirrmacher, ganz seiner Dramaturgie der Machtprobe folgend, gegen die so rasant herangewachsene Übermacht Googles, gegen die er sich mit Martin Schulz, dem Präsidenten des Europa-Parlaments, und Mathias Döpfner vom Springer Verlag verbündete, wohl auch mit der Idee, ein europäisches Gegen-Google zu gründen. Begeistert feierte Schirrmacher den Friedenspreis des deutschen Buchhandels für Jaron Lanier, der das Internet als Verschwörung der Konzerne gegen den Mittelstand und die Wikipedia als digitalen Maoismus ansieht.

Immerhin aber: Schirrmacher hatte sich vom Neuen affizieren lassen und durfte sich darum der heimlichen Missbilligung der ihn umgebenden Mittelmässigkeit gewiss sein. Die symbolischen Positionen des Literaturbetriebs wurden unter seiner Herrschaft in der FAZ nach und nach ohne viel Aufhebens geschleift, zuerst die Tiefdruckbeilage, wie gesagt der Stolz der deutschen Kritik, später der Feuilletonroman, an dem die FAZ länger als andere Zeitungen festhielt – aber am Ende gab es meiner Erinnerung nach nicht mal einen Nachruf auf diese Institution.

 

…und von allem seltsam ungerührt: der Betrieb

Jolle ist nicht gleich Jolle. Irgendwie segelt der Literaturbetrieb sanfter durch die Unbilden des Strukturwandels als etwa der Medienbetrieb: Die Buchverlage produzieren Jahr für Jahr die gleiche Anzahl von Romanen, wenn nicht mehr. Die Sender senden. Die Literaturhäuser laden ein. Und die Autoren schreiben Romane über ihre Jugend in der deutschen Provinz in den sechziger, siebziger oder achtziger Jahren, über ihren Nazigrossvater oder über ihre jüdische Grossmutter. Durch die grossen Frankfurter und Leipziger Buchpreise, durch eine unübersichtlich gewachsene Zahl an Buchpreisen auch in Österreich und vor allem in der Schweiz ist der Betrieb eher noch gemütlicher geworden. Bestach der deutsche Buchmarkt einst durch seinen Kosmopolitismus – Imre Kertesz wurde auch über die Rezeption in Deutschland zu einem international berühmten Autor – so liegen in den Buchhandlungen nun vor allem die Bücher der Long- und Shortlists aus, beinahe ausschliesslich Romane deutschsprachiger Autoren. Auch formal und ästhetisch bleibt die Literatur von der Revolution des Schreibens und der Texte im Netz quasi unberührt. Lustlos spielte man eine Weile mit Hyperlinks oder trat in den elektronischen Dialog mit dem Publikum. Aber das hat niemanden überzeugt.

Vielleicht ist der Literaturbetrieb nicht eine Jolle sondern eine Eisscholle – in einem Klimawandel, den man sich auf jeden Fall als eine Verflüssigung denken muss. Zieht man den Fokus auch hier ein bisschen auf, sieht man, dass die Scholle von den Rändern her schmilzt. Bestimmte Erscheinungsformen der Gutenberg-Galaxis sind schon mit den neuen Techniken verschmolzen. Lexika sind jetzt die Wikipedia, Landkarten ein Navi, Reiseführer eine App im Handy. Auch textuell ist der Medienwandel ein Umsturz: Der von avancierten Theoretikern in den sechziger Jahren erträumte Tod des Autors ist in der Wikipedia eingetreten, ohne dass der Betrieb davon Notiz genommen hätte. Dort schreibt man anonym. Das Kollektiv verfasst den Text. Die Wikipedia ist wie das Internet selbst ein Text, der atmet, der in einer Geste aktualisiert und archiviert, der sich mit anderen Texten physisch verbindet und andere Medien wie Videos über Schnittstellen integriert. So etwas wie eine Wikipedia der Literatur, eine sich kollektiv fortschreibende Fiktionalität, hat sich nicht ergeben, es sei denn in Sphären, auf die der Literaturbetrieb nicht mal herabblickt, in der Fantasy-Fanfiction zum Beispiel. Auch bestimmte Internetspiele lassen sich womöglich als eine kollektiv verfasste Fiktion lesen. Zugleich ist auf Amazon und an anderen Stellen ein Paralleluniversum entstanden, in dem Autoren im Selbstverlag und zu konkurrenzlosen Preisen Genreliteratur verbreiten – manchmal mit erstaunlichem Erfolg. Mit dem, was man als Literaturbetrieb bezeichnet, hat all das nichts zu tun.

Manche Autoren fragen sich heute voller Sorge, ob nicht auch das freie und offene Netz nur eine Episode war. Schon jetzt wird es gebündelt von Superkonzernen, die nicht nur den Medien, sondern auch allen kleineren Akteuren im Netz die Luft zum Atmen abschnüren, weil sie die Werbepreise definieren, die sich nur bei riesigen Reichweiten rechnen. Mit der Implosion der Screens, die allesamt zum Smartphone zusammenschnurren, erlahmt auch das kreative Gewusel, als das sich das Netz einst präsentierte. Das Smartphone ist kein Gerät für Hacker und auch nicht für Autoren! Aber die Verschmelzung der Medien erreicht hier ihren bisher höchsten Grad der Perfektion. Es ist Lesegerät, Fernseher, Landkarte, Portemonnaie, Kamera, Stereoanlage, Spielbrett, Fotoalbum und Telefon in einem. Die Apple-Aktie kriselt auch deshalb, weil sich das Ding im Grunde nicht mehr übertreffen lässt. Als nächstes wird man es in die Konsole am Armaturenbrett des selbstfahrenden Autos stecken und die Richtung ansagen, während Netflix schon die neueste Serie auf die Windschutzscheibe projiziert.

Diese Serien gehören zu den grössten Überraschungen des Medienwandels. Während auch die traditionellste Literatur in die totale Konvergenz der Medien im Smartphone hineingezogen wird und mit allen anderen Medien um den Screen konkurriert, knüpft ein neues Genre an jene Zeit an, in der Literatur noch das Medium war, vor dem die Eltern gewarnt wurden: Es handelt sich um nichts anderes als die Wiederauferstehung der Feuilletonromane mit ihren Cliffhangern und skrupellosen Dramaturgie und all ihren inneren Widersprüchen. Brett Martin beschreibt in dem Buch «Difficult Men» von 2013 die Schreibateliers, in denen diese Serien erdacht werden: Sie sehen gar nicht so anders aus als zu Alexandre Dumas‘ Zeiten. Begabte Autoren also werden gesucht. Es bleibt bloss die Frage, welcher Betrieb sie künftig am meisten anzieht.

Der hier publizierte Essay von Thierry Chervel wurde im «Literarischen Monat» (#24) gekürzt abgedruckt. Wir danken dem Autor für die hervorragende Zusammenarbeit. 

Viel Rauch um…
Photographiert von Stefan Kubli.
Viel Rauch um…

Meine Kritiker und ich haben häufig unterschiedliche Auffassungen von Literatur. Das ist gut so. Aber zuweilen geht ersteren der Fokus auf das, was eigentlich zählt, völlig verloren. Eine Kritik der Kritik.