Literarische Kurzkritik #53

Von Lesern für Leser

Vom Echoraum der Sprache

Martin R. Dean: Verbeugung vor Spiegeln. Über das Eigene und Fremde. Salzburg / Wien: Jung und Jung, 2015.
besprochen von Roland Merk, Schriftsteller, Basel / Paris.

Mit einem Buch wie diesem ist es wie mit einem verlockenden Fluss, in den man beherzt hineinspringt, sich gerne eine gehörige Auszeit nimmt vom Schall und Rauch der Tage, um alsbald wie verwandelt wieder ans Ufer zu kommen. Erfrischt wie schwerelos treibt man im klaren Strom dieser Reflexionen, eines Textflusses, der da und dort durch die utopischen Gärten der Kindheit flüsternd mäandert, auf seinem Weg durch die Metropolen und Landschaften aller Länder an Weite und Grösse gewinnt. Manchmal wird er wie in einer Urszene von gewaltigen, von Menschen gemachten Stauwehren beengt, aber das Ziel bleibt im Auge, das Meer der unzählbaren, leicht bewegten Spiegelungen. Doch worum geht es in diesem Buch? Es geht, wie der Untertitel allen Eifrigen unaufgeregt vermeldet, um das «Eigene und das Fremde». Doch dieses «Und» des Untertitels könnte so lapidar wie monströs zugleich sein. Denn was lässt sich mit unserer Sprache nicht alles verbinden? «Krieg und Frieden», so lautet ein anderer, berühmter pazifistischer Titel, der das sprachlich kassiert, was er inkriminiert. Dean weiss um die kapriziösen Momente der Sprache, um den Skandal des «Und», das oft genug trennt statt verbindet, um die tragischen Möglichkeiten der Sprache überhaupt, die im gleichen Atemzug, wie sie entbirgt, auch verbergen kann. Aber kommen wir jemals aus diesen Fallstricken der Sprache heraus? Die Frage ist aktueller denn je, gerade in Zeiten eines nominalistischen Sprachgebrauchs, sprich eines abstrakten Umgangs mit Sprache, der diese nicht auch als die Stimme eines mitvibrierenden Körpers sieht. Gibt es einen Weg, von «fremd» und «eigen» so zu sprechen, dass sich die leidverursachende Urszene jeder Sprache, das Stigma identitärer, rassistischer Unterscheidung, nicht wiederholt? Ja, es gibt ihn: Deans meisterhafte Essays zeigen einen Weg auf, wie man über Eigenes und Fremdes sprechen und schreiben kann, ohne das Eigene und das Fremde je als bare Münze zu nehmen und zu verdinglichen. So bleibt das «Und» sich treu! Es verbindet wahrhaft, weil hier in jeder Zeile vorgeführt wird, dass Eigenes nie ohne Fremdes, Fremdes nie ohne Eigenes gedacht, ja letztlich gelebt werden kann. Alles kommuniziert, alles ist im verweisenden Dialog. Das ist der Horizont eines erweiterten Sprachverständnisses, das zugleich auch für Dean zum Spiegel für den Dialog der Kulturen wird. Wer mit der Sprache nur bezeichnet – fremd, eigen, schwarz, weiss, um nur die leidigsten Identifikationen zu nennen –, bringt sich nicht nur um den Reichtum dieser Welt, sondern kündigt die dialogische Sprache auf. Alles will besprochen, aber alles will auch erhört und anerkannt werden. Das ist das Telos der Sprache, ihrer leibhaften, unendlichen Sehnsucht, auf die Dean mit all seiner Kunst verweist. «Der Leib des einen», so der Autor mit Blick auf die Sprache, «ist ein Ohr, das sich ständig dem Mund des anderen zuneigt. Worte wollen zu Körpern werden. Körperlose Worte sind nichts, nicht mehr als Schall und Rauch. Worte brauchen einen Resonanzkörper…Diese Ursymbiose zwischen Wort und Körper, zwischen Sprechen, Flüstern, Singen und Besprochen-, Beflüstert- und Besungenwerden ist vielleicht der Ausgangspunkt aller Dichtung und Poesie.» Ja gewiss! Und nicht nur der Ausgangspunkt aller Dichtung und Poesie, sondern, wie Deans «Verbeugung vor Spiegeln» zum Fluchtpunkt macht, auch der eines wahrhaft geglückten Weltbürgertums.

 

 

Topographien des Schweigens

Ruth Schweikert: Wie wir älter werden. Frankfurt: S. Fischer, 2015.
besprochen von Miriam Hefti, Germanistin und Kulturjournalistin, Zürich.

 Jacques und Friederike Brunold, Helena und Emil Seitz, zwei Ehepaare – und nichts ist klar in diesen beiden Familien, die eigentlich eine sind: Es wurde übers Kreuz gelebt und geliebt. Die Kinder Kathrin, Johannes, Sebastian, Iris, Sabine und Miriam verbindet das Unwissen über ihre Herkunft, wobei sie lange nicht wissen, dass sie nicht wissen. Ihre Eltern nämlich haben einen «Pakt des lebenslangen Schweigens» geschlossen. Vom Schweigen zum Lügen ist der Weg kurz, und Geheimnisse werden in diesen Familien schon mal mit ins Grab genommen. Mit den Lebenslügen möchte Kathrin aufräumen, sie versucht immer wieder, das Schweigen der Eltern zu durchbrechen. Auch als sie erfahren will, was sich genau zugetragen hat, als ihr Vater Jacques für ein Jahr im Gefängnis gesessen hatte, wird sie mit dem nämlichen Satz abgekanzelt: «Es gibt keinen Grund, darüber zu sprechen.» Kathrin und ihre Halbschwester Miriam sind die einzigen, die dagegen so etwas wie Rebellion an den Tag legen. Scheinbar. Denn auch in deren Leben dominiert das Schweigen: die eine flüchtet in die Innenwelt, die andere verschwindet in den Tod. Was bleibt, ist Ungesagtes. Leerstellen, wohin man blickt. «Es gibt keinen Grund, darüber zu sprechen.» Schweigen als Credo. Ein Gaukelspiel der Eltern. Was in diesem Roman zwei Familienstränge über Generationen miteinander verbindet, lässt sich beim Lesen im Ungesagten aufspüren. Das Ungesagte, das durch Vorstellungskraft aufgefüllt werden muss. Von den Figuren – und von uns Lesern.

Ruth Schweikert macht in ihrem neuen Roman deshalb keine Auslegeordnung der Gefühle – obwohl sich eigentlich alles um grosse Empfindungen dreht: Liebe, Verrat, Tod und Schuld –, vielmehr lässt sie aus Begegnungen, die sich über Zeiten und Räume ziehen, ein Gefüge entstehen, ein Netz aus undurchsichtigen Fäden. Es gibt keinen Hauptschauplatz, schnell wechseln Zeiten und Geschichten, wir verfolgen ein Kommen und Gehen von Neben- und Hauptfiguren. «Wie wir älter werden» ist kein Roman, der sich mal eben lesen lässt, mit halber Aufmerksamkeit schon gar nicht. Denn Ruth Schweikert hat eine raffinierte Technik entwickelt, zwei Familien zu durchleuchten, ohne aber ins Innerste eines jeden vordringen zu müssen. Psychologisches Figurentheater überlässt sie anderen, stattdessen richtet sie den Scheinwerfer stets nur kurz auf einzelne Familienmitglieder und Konstellationen, die Schnitte sind schnell gesetzt – die Inszenierung wirkt dennoch nicht zerhackt oder gar willkürlich. Trotzdem bleiben einige Zusammenhänge unklar, die wechselnde Erzählperspektive ist, was den Überblick der Komposition angeht, nicht hilfreich.

Kathrin immerhin bemüht sich um neue Ordnung, sie versucht, Rechenschaft abzulegen. Und schreibt deshalb ein Theaterstück über Machtstrukturen, bei dessen Verfertigung wir auf die Schlüsselstelle des Buches stossen: «Sie hatte eine Weile gebraucht, bis sie dem Unbehagen auf die Spur kam, das sie beim Schreiben am meisten umtrieb; der Zufall, das Zufällige, das jedem Text innewohnte, selbst wenn das Material vorgegeben war; und dass sie beim Überarbeiten nichts anderes tat, als eben den Eindruck des Zufälligen zu verwischen, bis der fertige Text so selbstverständlich dastand, als wäre er nur genau so denkbar, als hätte er von Anfang an nur so und nicht anders geschrieben werden können.» Genau das ist Ruth Schweikerts literarisches Konzept in «Wie wir älter werden»: den Eindruck des Zufälligen verwischen, bis ein selbstverständlicher Text dasteht, der nur so und nicht anders denkbar ist. Als anspruchsvolles, gelungenes Abbild einer Paradoxie: der Darstellung von Lücken in Biographien – und der Sprachlosigkeit innerhalb von Familien.

 

 

PS: So what?

Alain Claude Sulzer: Postskriptum. Berlin: Galiani, 2015.
besprochen von Valerie Hantzsche, Germanistin, Bern.

Postskriptum – Erinnern Sie sich, wann Sie zuletzt ein solches verfasst haben? Wahrscheinlich geht es Ihnen ähnlich wie mir: In Zeiten elektronischer Kommunikation und Textverarbeitungsprogramme lassen sich persönliche Mitteilungen beliebig oft verändern, Gedanken können nachträglich eingefügt oder gelöscht werden. Ein PS braucht es daher nur noch selten.

Aus der Zeit gefallen sind auch einige Schilderungen in Alain Claude Sulzers neuem Roman mit ebendiesem Titel: das plüschig und doch mondäne Hotelleben im Waldhaus in Sils Maria während der 1930er und 40er Jahre genauso wie der gesellschaftliche Umgang mit Homosexualität. Das Engadiner Hotel vereint als Schauplatz zunächst alle Hauptfiguren des Romans, bevor sie von den Wirren der Zeit und des Lebens in die Welt zerstreut werden: Lionel Kupfer, den gefeierten Filmstar, heimlichen Juden und Homosexuellen, Walter, den kleinen Postangestellten, grossen Bewunderer Kupfers und gesellschaftlichen Einzelgänger, dessen Mutter Theres, neuerdings Büglerin im Waldhaus, eine einfache Frau, die lebenslang leidet, unter ihrem Analphabetismus genauso wie unter der gesellschaftlichen Bürde der alleinerziehenden, unverheirateten Frau. Und Eduard, den etwas zwielichtigen, aber geschäftstüchtigen Kunsthändler – und grosse Liebe Kupfers. Jeder dieser Charaktere wird von Sulzer gewohnt detailgenau, eindringlich und überzeugend geschildert, ebenso wie deren «distanzierte Nähe» zueinander, die ihre Beziehungen durch zu viel Unausgesprochenes belastet. Dabei stellt sich die Zeit im Waldhaus als der neuralgische Punkt in ihren Biographien heraus, nach ihrem Aufenthalt dort ist nichts mehr wie zuvor: Als sie das Etablissement verlassen, kann nur noch von einem post Waldhaus ihrer Leben die Rede sein.

Persönliche biographische Scheidewege alternder Alphatiere sind ein bekanntes Sulzer-Thema, ebenso die Szenerie der einstigen Grand Hotels und die homosexuelle Liebe. Selbst das Kompositionsprinzip disparater und dennoch punktuell miteinander verbundener Handlungsstränge ist bekannt. Dennoch unterscheidet sich «Postskriptum» in einem zentralen Aspekt erheblich von seinen «Vorgängern»: Neben der eindringlichen Charakterzeichnung versucht Sulzer auf 250 Seiten so viel Milieuschilderung und Zeitgeschichte wie irgend möglich unterzubringen. Er liefert den Abriss der damaligen Filmgeschichte z.B. durch stets bemüht beiläufiges Einflechten grosser Namen wie dem des Stummfilmlieblings Bruno Kastner oder bekannter, aus dem Filmmilieu berichtender Zeitungsjournalisten wie Siegfried Kracauer oder Bella Fromm, thematisiert die zweifelhafte Praxis der «Rettung» von Kunstgegenständen todgeweihter Juden, widmet sich der…