Literatur und Wissenschaft

Goethe tat es, Zola, Flaubert und auch Musil: eine kurze Geschichte der Auseinandersetzung von Schriftstellern mit ihrem Metier, den Grenzen zur und den Gemeinsamkeiten mit der Wissenschaft vom 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart.

Literatur beschäftigt sich mit erfundenen Welten, Personen und Sachverhalten, Wissenschaft versucht die unsichtbaren Grundlagen der realen Welt freizulegen. Ein literarischer Text gilt dann als besonders gelungen, wenn er seine Leserinnen und Leser durch ungewöhnliche Sehweisen und Darstellungsformen fesselt, der Wert einer wissenschaftlichen Arbeit bemisst sich an der in ihr enthaltenen überprüfbaren Erkenntnis. Man könnte zahlreiche weitere Unterschiede zwischen Literatur und Wissenschaft aufführen, etwa im Hinblick auf die technischen Verfahren, den Grad der Institutionalisierung, die Finanzierung und das Sozialprestige der beteiligten Akteure. All dies liefe auf die Feststellung hinaus, dass kaum ein grösserer Gegensatz denkbar ist als der zwischen Literatur und Wissenschaft. Dieser Gegensatz liesse sich aus einer seit etwa 250 Jahren anhaltenden gesamtgesellschaftlichen Entwicklung heraus erklären, welche der Soziologe Niklas Luhmann als funktionale Ausdifferenzierung bezeichnet. Demzufolge ist die moderne Gesellschaft dadurch gekennzeichnet, dass sie aus autonomen Teilsystemen besteht, die je unterschiedliche Funktionen übernehmen: Wirtschaft, Recht, Politik, Kunst, Wissenschaft, Religion. Diese Systeme sind, so Luhmann, operativ geschlossen und unterliegen einer je spezifischen Codierung. Folgt man dieser Logik, so kann es zwischen Literatur und Wissenschaft keinen relevanten Zusammenhang geben, denn es handelt sich ja um verschiedene soziale Systeme.

Nun stellt man jedoch fest, dass es seit dem späten 18. Jahrhundert zahlreiche literarische Texte gibt, die nicht nur in punktueller und anekdotischer, sondern in programmatischer Art und Weise auf Wissenschaft Bezug nehmen. Einige dieser Texte sollen im folgenden kurz betrachtet werden, mit dem Ziel, Aufschlüsse über das Verhältnis zwischen Literatur und Wissenschaft in der Moderne zu gewinnen. Dabei sind grundsätzlich drei Ebenen zu unterscheiden: die dargestellte Handlung, die Darstellung und die poetologische Selbstreflexion. Es werden hier Texte betrachtet, auf deren Handlungsebene Bezugnahmen auf Wissenschaft erfolgen, etwa indem Wissenschafter als Protagonisten erscheinen oder indem wissenschaftliche Theorien von den Protagonisten betrachtet oder diskutiert werden. In diesen Texten hat die Bezugnahme auf Wissenschaft darüber hinaus auch eine Auswirkung auf die Darstellungsebene, indem wissenschaftliche Sprache aufgegriffen wird. Schliesslich nutzen diese Texte die Bezugnahme auf Wissenschaft auch zu poetologischen Zwecken, indem sie sich ihrer eigenen Grundlagen und Bedingungen vergewissern. Wissenschaft erscheint dergestalt in drei verschiedenen Formen und Funktionen: als Thema bzw. Gegenstand, als sprachliches Modell und als metaphorische Reflexionsfigur.

Kalkerde und «zarte Säure»

Beginnen wir mit Goethes Roman «Die Wahlverwandtschaften» (1809). Wie der Autor, der bekanntlich ein umfassend gebildeter Naturforscher war, in einer im «Morgenblatt für gebildete Stände» erschienenen Selbstanzeige schreibt, ist es Ziel dieses Romans, «eine chemische Gleichnisrede zu ihrem geistigen Ursprunge» zurückzuführen. Der Titel des Romans greift einen Fachbegriff der Chemie auf. Dieser Begriff ist metaphorisch, da er eine Beziehung aus dem Bereich der menschlichen Gesellschaft in den Bereich der chemischen Elemente überträgt. Der Hauptmann, einer der vier Protagonisten des Romans, erläutert im vierten Kapitel des ersten Teils die Verwendungsweise des titelgebenden Begriffs anhand des Kalksteins, der aus einer Verbindung von Kalkerde und einer «zarten Säure» entstehe. Wird nun der Kalkstein mit verdünnter Schwefelsäure in Berührung gebracht, so verbindet sich die Schwefelsäure mit dem Kalk «und erscheint mit ihm als Gips», während die zuvor mit der Kalkerde verbundene Säure freigesetzt wird. «Hier ist eine Trennung, eine neue Zusammensetzung entstanden, und man glaubt sich nunmehr berechtigt, sogar das Wort Wahlverwandtschaft anzuwenden, weil es wirklich aussieht, als wenn ein Verhältnis dem andern vorgezogen, eins vor dem andern erwählt würde.» Auf der Handlungsebene von Goethes Roman wird nun die Richtung der metaphorischen Übertragung umgekehrt, indem der chemische Fachbegriff seinerseits als Metapher für die Beziehungskonstellation zwischen den Protagonisten verwendet wird. So sagt Eduard zu seiner Frau Charlotte: «Gesteh nur deine Schalkheit! Am Ende bin ich in deinen Augen der Kalk, der vom Hauptmann, als einer Schwefelsäure ergriffen, deiner anmutigen Gesellschaft entzogen und in einen refraktären Gips verwandelt wird.» Die Übertragung der «chemischen Gleichnisrede» auf das Verhältnis…