Lorenz Langenegger:
«Bei 30 Grad im Schatten»

 

Jakob Walter, Lorenz Langeneggers «Held», ist kein Unbekannter. Schon in seinem ersten Roman «Hier im Regen» von 2009 hat der Autor ihn zum Hauptdarsteller ernannt, hat ihn begleitet auf seinen Gedanken- und Spaziergängen und ihn schliesslich dort belassen, wo sich die Mehrheit der menschlichen Alltage zuträgt: im Dunstkreis wunschloser, wenn auch zuweilen etwas ratloser Durchschnittlichkeit. Und nun, nach den inzwischen vergangenen fünf Jahren, tritt dieser «Taugenichts» erneut auf den Plan. Dass er sich auf «Wanderschaft» begibt – wenn auch per Bahn und Bus –, dass ihn eine unbestimmte Suche antreibt und dass er zu Beginn der Reise nicht weiss, wohin er gehen soll, sind Umstände, die ihn zumindest in die Nähe gängiger Motive aus der Romantik rücken. Dazu kommt das entsprechende Grundgefühl, nirgendwo angekommen zu sein – nicht im Beruf, nicht in der Liebe und schon gar nicht im richtigen Leben.

Jakob Walter, angestellt beim Steueramt, plagen keine grossen Skrupel, als er nicht mehr ins Büro geht. An diesem Morgen, als er in der Wohnung in Bern allein erwacht, ahnt er, dass Edith, seine Frau, ihn endgültig verlassen wird. Nach zehnjähriger Ehe, nach vielen Streitereien um nichts, werden sie getrennte Wege gehen. Edith, taff, karrierebewusst, entscheidungsfreudig, hat die Geduld und Hoffnung, ihr Mann werde sich ihren Wünschen unterordnen und zu einem Wirtschaftswunderknaben mutieren, aufgegeben. Also füllt er seinen Rucksack, also verlässt er die Wohnung, die ihr gehört, und wirft den Hausschlüssel in den Briefkasten: Rückkehr ausgeschlossen.

Nur: Was jetzt? Erstmal in die Stadt, dann zum Friedhof mit Bier und Ratlosigkeit und Begegnung mit einem Bekannten. «Gestern hat mich meine Frau verlassen», sagt er zu diesem und konstatiert dabei, dass der Satz das Gewicht, das ihm zukommen müsste, nicht trägt. Eine absurde Komik ist es, die er stattdessen offenbart. Ediths schon fast boshafte SMS-Antwort auf seine Nachricht hin, dass er die Wohnung verlassen habe und eine neue suchen werde, tut das Übrige. «Viel Glück», schreibt sie und baggert weiter an der Kluft, die sich zwischen ihnen schon aufgetan hat.

Jakob Walter fährt weiter nach Zürich, dann nach Mailand. Weiter weiss er nicht. Schliesslich wird er in Griechenland ankommen – für eine Weile wenigstens. Zusammen mit einem Hund. Er will und wird kein anderer werden auf seinem (Such-)Trip; weiterhin wird als einzige Sicherheit die eigene Unsicherheit für eine gewisse Beständigkeit sorgen. Es ist die Existenzform – Jakob Walter nennt sie «Zufallsprodukt» –, in der er sich aufgehoben fühlt.

Eine Geschichte zu erzählen, in der sich nicht viel ereignet, in der ein reizloser Protagonist mit (äusserlichem) Standby-Profil in seinem Leben umherirrt, als wäre er mit einer Angelschnur aus dunklen Tiefen ins Licht gezogen – eine solche Geschichte ist angewiesen auf viel Können. Und Lorenz Langenegger kann’s: seine Schreibe zeichnet sich durch Langsamkeit, Beharrlichkeit, Genauigkeit aus. Und sie widerspiegelt hier einmal mehr trefflich Inhalt und Form seines neuen Romans. Mit ihr entwickelt der Autor geduldig und sorgfältig ein Stück Lebenszeit seines «Taugenichts», möglicherweise eines bei näherer Betrachtung doch gar nicht so ausgeprägten Kauzes. Vielmehr eines Menschen, der versucht, mit den…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»