Martin Suter:
«Montecristo»

 

Einstieg in Martin Suters «Montecristo» verläuft im wahrsten Sinne zügig: Wir befinden uns mit dem Videojournalisten Jonas Brand im Intercity von Zürich nach Basel, als die Notbremse gezogen wird und alles ins Wanken gerät. Bis die Handlung wieder an Fahrt gewinnt, dauert es danach zwar geschlagene 30 Seiten – dann jedoch wird’s rasant. Brand, der sich mit Aufträgen für ein Highlife-Magazin über Wasser hält, sich eigentlich aber zum Filmemacher berufen fühlt und seit Jahren von einem «Der Graf von Monte Christo»-Remake träumt, stösst nach dem Vorfall im Intercity auf zwei 100-Franken-Noten mit identischer Seriennummer. Beide, so stellt sich bald heraus, sind echt – seine journalistische Neugier ist geweckt. Recherchen führen Brand zu den CEOs der General Confederate Bank of Switzerland (GCBS), der Coromag (der Banknoten-Druckerei) und zu den Spitzen der Schweizer Bankenaufsicht. Diese befürchten nach seiner brisanten Entdeckung nicht nur einen riesigen Skandal, sondern eine veritable Finanzkrise, sollte Brand die ganze Wahrheit hinter den Scheinen herausfinden. Entsprechend resolut handeln sie: Brand wird vom Jäger zum Gejagten. Zuerst wird bei ihm eingebrochen, dann wird auch er selbst überfallen. Die «Verschwörer» sitzen ganz offenbar am längeren Hebel – und treffen sich bei Champagner und Geflügelleberterrine (und vielleicht einer guten «Montecristo») im Liliensaal des Drachenhauses, «ein herrschaftliches Gebäude aus der Mitte des 19. Jahrhunderts am Ufer der Limmat», um sich und uns und die Welt zu retten – aber sicher nicht unseren Jonas. Dem verhinderten Filmer lassen sie schliesslich anderthalb Millionen Franken aus der staatlichen Filmförderkasse -zukommen, damit er stillhält und stattdessen sein lange geplantes Projekt verwirklicht.

Martin Suter ist zweifelsohne ein gewiefter Autor, der aber leider meint, diesem an sich spannenden Plot noch weitere Zutaten beimengen zu müssen. So wird – wie im «Koch» – exotisch gekocht und so exquisit wie ausgiebig getafelt. Derweil scharwenzelt Brands Freundin Marina, gehüllt nur in zwei Küchenhandtücher, aufreizend durch die Küche. Dieses ganze -«Gemüse» braucht der Roman nicht, denn auch ohne stehen Jonas Brand und seine lesenden Begleiter vor genügend existenziellen Fragen: Ist er «Peoplejournalist»? «Investigativjournalist»? Oder im Sinne eines dritten Weges: «Filmemacher»? Unter der Antwort auf diese Frage leidet besonders Jonas’ väterlicher Freund und Ratgeber Max Gantmann. Gantmann ist ein einst angesehener politischer Fernsehjournalist, den Brand ins Vertrauen zieht. Mit seiner Klarheit und Konsequenz gehört er zu den stärksten Figuren des Buches. Er findet denn auch heraus, dass es sich beim «Personen-schaden» um einen Trader der GCBS handelt, der einen gigantischen Spekulationsverlust eingefahren hat… So unübersichtlich der verschwörerische Plot klingen mag, Suter erzählt ihn mit viel Ironie und komplizenhaftem Augenzwinkern. Etwa, wenn er einen CEO allein dadurch charakterisiert, dass dieser einen anderen CEO mit den Worten begrüsst: «Ich trinke um diese Zeit ganz gerne etwas Lung Ching. Machen Sie mit?»

Aber, das wollen wir Suter bei aller Freude an diesen Pointen fragen, was ist «Montecristo» denn nun eigentlich? Kapitalismuskritik, Banken-kritik, Kritik an der Schweiz oder Kritik am Finanz-platz Schweiz? Oder ist es von allem etwas? Verpackt in einen Kriminalroman? Wir erhalten keine Antwort. Insofern bietet es sich an, «Montecristo» von vornherein…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»