Mingjing

Bern – Genf: 1 Std. 42 Minuten.

Mingjing
Wir haben am Bahnhof in Genf abgemacht. Zwei richtige Global Player. Mingjing will meine Trilogie auf Chinesisch übersetzen. Ich fahre hin mit dem Wissen, dass ich zu einem solchen Vorhaben nicht mehr als «Ja» sagen kann. Alles scheint mir zu weit weg, die Sprache, ihre Zeichen, ihre Laute.

Der Zug fährt mich durch die wunderbarsten Landschaften der Schweiz. Ich bin der Adlige ohne Kutsche. Auf meinem Schoss liegt das neue Buch von Matthias Wyss. Seine Zeichnungen sind Landschaften aus immer wiederkehrenden Zeiten. Gerne würde man sagen: aus früherer Zeit. Um sie stillzulegen und um sie in Entfernung zu haben. Aber Matthias Wyss zeichnet eine Welt, die sehr heutig ist, sie maskiert sich nur, tut so, als käme sie aus der Mythologie, um dann in einem unbewachten Moment ins Jetzt einzubrechen.

Die Freiburger Alpen, das Greyerzer Land, der See, architektonisch richtig eingebettet, dann die Einfamilien-täler, die sich in die Landschaft fressen.

Atemberaubend das Erscheinen des Genfersees, in dem sich die Rebberge spiegeln. Kulturerbe. Auch heutig und aus einer anderen Zeit. Und: Immer wieder neuer Wein! Spielen die Schläuche da eine Rolle? Matthias Wyss schreibt auch. Seine Sätze sind Bilder. «Die Zivilschützler in den neonfarbenen Uniformen bewachen dunkle Waldeingänge.»

Eine SMS meldete mir, dass Mingjing schon in Lausanne einsteigt. Sie will mehr Zeit haben für unser Gespräch. Ich gebe meine Wagennummer durch.Als
sie einsteigt und sich zu mir setzt, erinnere ich mich an ein Bild vom Ende des Buches: Bahngeleise mit Güterwagen, eine Gesellschaft zwischen Hochzeit und Totentanz geht über einen Steg, die stürmischen Wellen möchten zerstören. Mingjing lacht und begrüsst mich mit französischen Sätzen. «Schmetterlinge aus Glas fliegen aus winzigen Gefässen, die im ganzen Waggon zerstreut an weinroten Polstern der Bundesbahnen hängen.» Aus der Erinnerung tauchen meine Eltern auf. Sie sind jung, tragen viele Koffer und wandern aus.