Was die Redaktion las

Perlen jenseits des Schweizer Betriebs

Stan Parish: Down the Shore (Viking, 2014) – Zwei Preppies auf der Insel: weil Tom an seiner Uni Drogen verkauft hat und Clares Vater ein landesweit gesuchter Investmentbankrotteur ist, studieren die beiden weit weg von daheim, im schottischen Eliteinternat St. Andrew’s. Egal ob im Hochland auf Entenjagd oder im Pub saufend mit Prinz William – die beiden müssen lernen: «Liberty» ist, wenn niemand dich kennt. Und «Fear» ist, wenn sich das täglich ändern kann. Starkes Prosadebüt, das seine Charaktere beinahe ausschliesslich in bemerkenswerten Dialogen entwickelt.

David Duchovny: Holy Cow (Farrar, Straus, and Giroux, 2015); Deutsch: «Heilige Kuh» (Heyne, 2015) – Dass «Akte X»- und «Californication»-Star Duchovny einmal ein Buch über eine renitente Kuh namens «Elsie Bovary» schreiben würde, hätte wohl kaum jemand für möglich gehalten. Dass sie, weil sie ihrem Schicksal in einem Mastbetrieb entkommen will, sich mit einem zum Judentum konvertierten Schwein und einem durchgeknallten Truthahn zusammentut und damit zur Lösung des Nahostkonflikts beiträgt, wohl noch weniger. Die eigentliche Sensation ist aber, dass Duchovny diesen – bei allem Aberwitz doch todernsten – Plot dann auch noch mit Lakonie und Liebe zu Papier bringt.

Jaroslav Rudiš: Vom Ende des Punks in Helsinki (Luchterhand, 2014) – Ein Roman über die Zeit, in der Punk noch Punk war, die Soljanka noch schmeckte, die Mauer noch stand. Nicht nur die Revolution ist gescheitert, sondern auch die Lebensentwürfe der melancholischen Figuren, die «Herr Lehmanns» Ossi-Brüder sein könnten.

Porochista Khakpour: The Last Illusion (Bloomsbury, 2014) – Magischer Realismus und 9/11 – darf man das? Die iranisch-amerikanische Autorin erzählt von einem iranischen Jungen, der als Vogel aufgezogen wurde, einer magersüchtigen Seherin und einem Magier, der die Twin Towers zum Verschwinden bringen will.

Milan Kundera: Das Fest der Bedeutungslosigkeit (Carl -Hanser, 2015) – Gewisse Dinge scheinen nie aus der Mode zu geraten: In Paris, so lese ich im Buch über die Bedeutungslosigkeit, verwirren auch heuer wieder bauchfrei umherspazierende Damen die Männerwelt. Hätten diese trendigen Accessoires den Sprung von den 1990ern ins neue Jahrtausend nicht geschafft, wir hätten nichts verloren. Dass aber Milan Kundera nach 15 Jahren wieder einen Roman vorlegt und darin wie eh mit Schalk und Schärfe auftritt, ist eine der Freuden des diesjährigen Bücherfrühlings.

Szilárd Borbély: Die Mittellosen (Suhrkamp, 2014) – Es sind Sätze wie Keulen, zu denen sich Buchstaben und Wörter in diesem Buch formieren. In einer Welt, in der eine Handvoll Primzahlen, diese einsamsten aller Ziffern, die einzigen Freunde sind, ist kein Platz für Poesie – und doch oder eben deshalb dringt aus Borbélys Buch die stärkste Magie der Sprache: Wer es schafft, den Beschrieb einer zwischen Gewalt und Dreck oszillierenden ungarischen Kindheit zu lesen, ohne wegzuschauen, wird am Schluss ein anderer sein.