Sich die Sprache geben

Eine Wanderung im Grenzgebiet.

 

Nach Biel reisen, auf dem Perron den nahen See erahnen, in den Strassen nach etwas gefragt werden, zufallsleicht, in einem feingestrickten, zierlichen Französisch, dann selber den Mund aufmachen – und gleich im allerersten Sich-sprechen-hören-Müssen in die Furche fallen.

Als Berner dieses Biel ganz selbstverständlich für Bienne nehmen, in Bienne ausnahmslos alle Französisch sprechen hören und sich, kaum ist ein Fuss auf Bieler Boden gesetzt, hinter einem Sprachvorhang fühlen, der radebrechend nicht zu durchdringen ist. Wenn du radebrichst, übersetzt sich dies als: Parler français comme une vache espagnole, und sternenhimmelklar wird: Kaum schmiegt sich das Französische ans Ohr, erscheint das Deutsche als Ausbund der Pedanterie, als kleinbürgerliche Visitenkarte des Ne-pas-savoir-vivre.

Erzählend von deinen sporadischen Streifzügen durch die unter- und überschiedlichsten Wälder hast du einst einer im welschen Land verwurzelten Freundin gegenüber auch ma tente erwähnt, dein Zelt, welches auf derartigen Fussvoyagen hin und wieder mitkommt, und Wochen später zeigte sich, sie hatte erstaunt geglaubt, du würdest bisweilen ausgedehnte, abenteuerliche Spaziergänge unternehmen mit ma tante, deiner sportlichen Tante. Bis heute weisst du nicht, wie sich tente von tante lautlich unterscheidet, weswegen du, wenn das Zelt mitkommt, Missverständnissen vorbeugend seither von einer Wanderung mit deinem Onkel sprichst.

An diesem milden, sonnenverwöhnten Septembernachmittag lässt du hingegen alle Verwandten zurück, entscheidest dich für leichtes Gepäck; Schlafsack, Matte, Taschenuhr, Apfelsaft – und einen Roman von Agota Kristof. Am Bahnhof von Biel/Bienne überschreitest du vorerst unbemerkt den Schrägstrich der Sprachgrenze und denkst bereits im weiter westwärts rollenden Zug sitzend an jene hübsche Föhre, die dir des Nachts irgendwo zwischen Saint-Imier und Neuchâtel hoffentlich ein Quentchen von ihrer wohlverwurzelten Geborgenheit wird leihen mögen.

Kaum steigst du in Saint-Imier aus, zeigt sich dir am Talboden, einige Etagen unterhalb der restlichen Kleinstadt, ein riesenhaftes Gebäude, das seinen klösterlichen Glanz hinausträgt in die liebliche Talschaft: Die Fabrik. L’usine. Ein machtvoller, von Autos umzingelter Bau ist es, an dem du zu Fuss vorbeiziehst, ein immenses immeuble für die heilige Arbeit, eine Uhrenfabrik als mechanischer Antrieb für eine ganze Region.

Während du mit Wanderschuhen und Rucksack und mitten im après-midi die Fabrik streifst, wirst du von einigen Arbeiterinnen gemustert, als seist du hergewandert von einem anderen Stern. Dem Stern eines arbeitsfreien Mittwochnachmittags. Wenn du usine hörst, siehst du ein U-Boot auf Tauchgang, mit dem i-Punkt als Turm, siehst deinen blondbärtigen Vater mit Lärm in den Ohren an einer ihn erschütternden Maschine stehen, mit einem Stolz, der in den 80er Jahren noch Teil des Lohnes war.

Dass Saint-Imier auch Sankt Immer heissen soll, hältst du bis heute für einen billigen Scherz, in Umlauf gehalten von tendenziell frankophoben Zeitgenossen. Wahrscheinlich ist es tatsächlich eine mauvaise plaisanterie der Geschichte, die enfin auch dafür besorgt war, die doch eher seltsam tickende Uhrenindustrie hineinzulocken in diese stillen Talschaften, in die nach Ewigkeit duftenden, immergrünen forêts de conifères, hin­ein in die Konferenz der Nadelbäume.

Während du l’usine hinter dir lässt und den Mauern eines malerischen Friedhofs folgst, denkst du an die Worte, die Agota Kristof über die Uhrenfabrik von Fontainemelon verloren und gewonnen hat. Durch eine…

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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