Silvio Pacozzi:
«Vita Minima»

 

Blutdruck normal, Herzfrequenz leicht erhöht, durchgehend Sinusrhythmus, gute ventrikuläre Pumpfunktion, kein pathologischer Befund an Herz und Nieren. Oder um es für Nichtmediziner auszudrücken: Der Internist Silvio Pacozzi kann auch Krimi. Sein Erstling «Vita Minima» wird ohne Befund in die Welt der Leser entlassen. Die Handlung ist schlank, aber nicht mager, die Dialoge sind bissig, aber nicht von der albernen Lässigkeit, mit der viele Einsteiger das Genre beglücken wollen. Natürlich hilft es dem Leser, möglichst viele Folgen von «Dr House» gesehen zu haben, da Pacozzis Hauptfigur Manuel Capri, Kardiologe an einer Berner Privatklinik, viele Charakterzüge seines US-Kollegen teilt. Das geniale Ekel – Capri, nicht House – legt sich mit ebenbürtigen Banausen an, die Einschläge kommen näher, natürlich wird auch die Familie mit in den Fall gezogen, die Klinik entpuppt sich als Gomorrha der Geschäftemacher… und wie in Rezensionen zu Thrillern üblich, sollen hier weder die wichtigsten Wendungen des Falls noch die Lösung angedeutet werden. Eine branchenübliche Beisshemmung, die der Cosmos-Verlag allerdings nicht kennt. Und das führt zu dem Bulletin, dass der eigentlich quietschgesunde Patient Pacozzi ohne eigenes Verschulden doch recht malade daherkommt. Anders gesagt: warum posaunt schon der Klappentext heraus, was Pacozzi bis zur alles entlarvenden Konfrontation von Gut und Böse verschleiert? Bei der Lektüre möchte der viel zu früh viel zu gut informierte Leser oftmals die Augen verdrehen oder fünfzig Seiten vorblättern, wenn der ahnungslose Doktor Capri in eine Falle nach der anderen tappt, da doch sonnenklar ist, welche perfide Absicht hinter dem ganzen Kesseltreiben steckt. Nein, so macht selbst ein gelungenes Debüt keinen Spass. O si tacuisses, lieber Cosmos-Verlag.

Silvio Pacozzi: Vita Minima. Muri b. Bern: Cosmos, 2014.

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