Mireille Zindel, fotografiert von Oksana Bernold.

«Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein»

Im Kopfstand interessant sein für die Öffentlichkeit.

Was fällt Ihnen zu Damien Hirst ein? Haifisch und Totenkopf, genau. Sie müssen auf die Bühne kommen und dann ein paar Zeichen hinterlassen – so funktioniert’s.

Ein YouTube-Streifchen hochladen, eines von täglich 300 000 neuen? Ja. Die fünftausend Facebook-Freunde zur Lesung einladen, obschon man sich auf die auch nicht verlassen kann? Natürlich. Auf Instagram Selfies posten, auch wenn man dabei jede Schamgrenze überwinden muss? Sicher. Twittern, wenn man nichts zu sagen hat? Unbedingt. Sich zur wechselseitigen Verstärkung mit einem berühmten Schriftsteller zusammentun? Selbstverständlich. Influencer zu Freunden machen? Natürlich. Es gilt ins Gespräch zu kommen, man muss interessant sein für die Öffentlichkeit. Da es verschiedene Öffentlichkeiten gibt, bedient man am besten gleich alle.

Aber todsicher ist dieses Vorgehen nun auch nicht. Was immer ich mache und empfehle, eines Tages muss ich es vermutlich wieder zurücknehmen und sagen: hat doch nicht funktioniert. Vielleicht ergeht es Ihnen ja wie in der berühmten Karikatur von F. K. Waechter, wo eine Ente in einem Schuh einen Kopfstand macht und sagt: «Wahrscheinlich guckt wieder kein Schwein.»

Aber es gibt noch einen anderen Spruch, den ich im Kopf habe. Françoise Sagan, die französische Bestsellerautorin, soll über das Berühmtsein gesagt haben: «Als ich siebzehn war, habe ich mir vorgestellt, Ruhm sei wie ein Sonnenaufgang am Meer. Dann habe ich herausgefunden, dass er eine Anhäufung von Papierschnipseln ist, die herumliegen und die man auflesen muss.»

Der grosse, narzisstische, selbstauflösende Moment ist also vielleicht einmal im Leben, wenn überhaupt. Der Rest ist mühsamste Kleinstarbeit. Es gibt viel zu tun.

PS: Bei besagter Waechter-Zeichnung gibt es doch – etwas klein zwar, aber immerhin – ein Schweinchen und das sagt: «Toll.» Nur kann der Vogel es nicht sehen, weil er mit dem Kopf im Schuh steckt … Auch ein kleiner Trost.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»