Auge in Auge mit Anfang und Ende

Erika Burkart, Ernst Halter: Nachtschicht / Schattenzone. Gedichte. Frankfurt a.M.: Weissbooks, 2011.

«Verzweiflung // Wie in den Morgen kommen, / wenn gegen vier / der Tod mit zehrenden Schmerzen / aus den Sterbelöchern der Welt / mich überfällt?» Wie sprechen über ein solches Gedicht – über Gedichte «einer Sterbenden», wie es im Vorwort von Ernst Halter heisst? Die Texte, ein Jahr nach Erika Burkarts Tod veröffentlicht, sind allesamt Zeugnisse ihres langsamen Verlöschens. Solange die Krankheit es zuliess – auch noch im Spital, auf dem Sterbebett –, hat die Dichterin dem Tod ihre lyrische Stimme entgegengehalten. Es sind Beschwörungsformeln geworden: gegen Schmerzen, Erschöpfung, Ängste und Einsamkeit.

Noch einmal nimmt ihre Lyrik den Schrecken an die Hand. Kontrastierend eingeflochten in der Vorahnung des Endes:  Erinnerungsbilder des Anfangs, der Kindheit. Sie lösen noch immer dieselbe Wahrnehmung aus, die ihnen früher gelang, nahe beieinander liegende Impressionen der Glückseligkeit und der Todesangst.  Durch den Kontext gewinnen sie eine neue Qualität: da, wo Erika Burkart von Blumen spricht, von Bäumen und dem Wind, erscheinen die Zeilen wie aus einer Handvoll Wörter in die Luft geworfen und federnd wieder aufgefangen. Und doch umgibt sie jetzt ein nach Trost suchender, dunkler Klang.

Im Gedicht «Auge in Auge», einer Rückschau auf Gelebtes und auf die Mutter, heisst es – buchstäblich – am Schluss: «…das Kind / im brusthohen Gras stand, / Auge in Auge mit den Blumen.» Ganz anders der Tonfall im auszuhaltenden Leid. Seine Stimmung ist dumpf und schwer, der Ruf nach der Mutter voller Angst: «Reiche mir, Mutter, die Hand…», heisst es in einem Vers über den allmählichen Verlust der Wörter. Klagend, ja bitter die Schmerzworte: «Leidend wird man zum Kind oder Tier…»

Das Werk der Erika Burkart erweist sich in diesem Bändchen als lyrisch zusammengefasst und wohlkomponiert. Man sollte, angesichts der Intimität, nicht zu viel sagen über diese  nachgelassenen Gedichte, vielmehr sollte man sie lesen. Und wenn doch sprechen, dann nur leise. Und flüsternd anzumerken wäre, dass der zweite Teil des Buches mit Gedichten von Ernst Halter, Trauerversen über den Verlust der Lebensgefährtin, in einem separaten Band hätte erscheinen sollen. Das letzte Gedichteweinen der Lyrikerin nämlich hätte seinen ausschliesslichen Platz durchaus verdient.