Brief aus dem Tessin (tredici)

«Du musst deine Erinnerungen aufschreiben! Wer so lange lebt, muss sein Leben aufschreiben. Du bist Zeugin von fast einem Jahrhundert!» Mit dieser Aufforderung beginnt das eindrückliche neue Buch von Silvana Lattmann, das den einfachen Titel «Nata il 1918» (Geboren 1918, Casagrande, 2017) trägt, ein autobiographischer Erinnerungsroman. Die bekannte und beliebte Schriftstellerin italienischer Herkunft stammt aus […]

«Du musst deine Erinnerungen aufschreiben! Wer so lange lebt, muss sein Leben aufschreiben. Du bist Zeugin von fast einem Jahrhundert!» Mit dieser Aufforderung beginnt das eindrückliche neue Buch von Silvana Lattmann, das den einfachen Titel «Nata il 1918» (Geboren 1918, Casagrande, 2017) trägt, ein autobiographischer Erinnerungsroman. Die bekannte und beliebte Schriftstellerin italienischer Herkunft stammt aus Neapel, wurde aber in den Fünfzigerjahren in der Schweiz eingebürgert.

«Nata il 1918» ist viel mehr als eine typische Sammlung von Erinnerungen: auf meisterhafte Weise verknüpft die Autorin Prosa, Lyrik und sogar Berichterstattung. Überflüssig zu erwähnen, wer unbestrittene Heldin des ganzen Buches ist: die Sprache, ihre unermessliche Liebe zum Wort, die schon ein ganzes Jahrhundert währt.

Auch auf das neue Buch des Lyrikers Vanni Bianconi möchte ich hinweisen, «Sono due le parole che rimano in ore» (Casagrande, 2017), übersetzt etwa: «Auf ‹ore› reimen sich zwei Wörter». Im Tessin ist Bianconi vor allem als Begründer und Leiter des angesehenen Festivals für Literatur und Übersetzung «Babel» bekannt. Wie bereits im Titel anklingt, steht – ausnahmsweise – die Liebe im Mittelpunkt: «Das Mädchen mit dem langen Rücken, lang der Hals und alles, / der Vater auf Durchreise und in die Wüste zurückgekehrt, / Rundungen einer Schwarzen, mager geworden vom jahrelangen Heroin, / sie, die meinen ganzen Schmerz gebraucht hat / ist die letzte Frau, die ich auf Italienisch geliebt habe» (Anfisbena).

Erwähnen möchte ich auch einen schmalen, neuen Gedichtband von Fabio Pusterla mit dem Titel «Variazioni sulla cenere» (Variationen über Asche, Amos edizioni, 2017), eine Sammlung, die – womöglich definitiv – mit der stärker erzählerisch geprägten, klareren Vergangenheit des hochgeschätzten Tessiner Autors bricht: Unbestrittene Heldinnen dieser intimen, fast undurchdringlichen, höchst lesenswerten Gedichte sind bleierne, dämmrige, erdige Farben. «Kleine, spitz zulaufende Kokons leuchten nun / fast schwarz über dem Grau. / Sterne aus Asche oder Erde. Stumme Tage.»


Andrea Bianchetti
ist Dichter und arbeitet als Kritiker für RSI (Rete Due). Er ist auch Redaktor der Literaturzeitschrift «Cenobio» und lehrt Italienische Literatur an verschiedenen Tessiner Gymnasien. Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Sauser.