Brief aus der Romandie (huit)

Bonjour, vous êtes Entre les lignes jusqu’à midi…» Für literaturinteressierte Hörerinnen und Hörer war dieser Satz der Auftakt zu einer fast täglichen, vertieften Sendung über eine frankophone Neuerscheinung. Die Sendung wurde aus dem Programm der RTS gestrichen, ebenso wie «Zone critique», in der eine fröhliche Kritikerrunde einmal pro Monat über neue Bücher debattierte. Ein herber […]

Bonjour, vous êtes Entre les lignes jusqu’à midi…» Für literaturinteressierte Hörerinnen und Hörer war dieser Satz der Auftakt zu einer fast täglichen, vertieften Sendung über eine frankophone Neuerscheinung. Die Sendung wurde aus dem Programm der RTS gestrichen, ebenso wie «Zone critique», in der eine fröhliche Kritikerrunde einmal pro Monat über neue Bücher debattierte. Ein herber Verlust! Die literaturkundigen Radioleute gibt es aber zum Glück noch: Jean-Marie Félix, Anik Schuin und David Collin sind nun in den neuen Sendegefässen «Versus-lire» und «Caractères» zu hören.

Wer lieber in «richtiger» Gesellschaft durch die Herbstlandschaft streift als mit Knopf im Ohr, dem seien die «Pérégrinations poétiques» empfohlen. Seit fünfzehn Jahren organisiert der Verein Saute-frontière diese Mischung aus Wanderungen und Lesungen in der Landschaft des Haut Jura. Gelesen wird in Alphütten, auf Weiden, in Museen und Bibliotheken. Dieses Jahr las u.a. Laurence Boissier aus ihrem wunderbar verspielten «Inventaire des lieux» (art&fiction). Die Autorin, Mitglied der Gruppe Bern ist überall, erhellte und wärmte im dunklen, kühlen Stall ihr Publikum mit dem witzigen Vortrag ihrer bald autobiographischen, bald philosophisch-essayistischen Texte über Orte und Alltagserfahrungen – ein Hörvergnügen der besonderen Art.

Mit der heutigen Gesellschaft beschäftigen sich auch Philippe Rahmys «Allegra» (La Table ronde) und Catherine Loveys «Monsieur et Madame Rivaz» (Zoé), in ihrem je eigenen Ton: Rahmy folgt einem Börsenhändler algerisch-französischer Herkunft in London, der den Kontakt zu seiner Frau und neugeborenen Tochter verliert und von einer terroristischen Organisation angeheuert wird. Dies liest sich eindrücklich und beklemmend. Catherine Lovey hingegen schickt eine humorvolle junge Frau in den Dschungel beruflicher und privater Begegnungen. Wie sie als Reisebegleiterin das Ehepaar Rivaz kennenlernt, das sich standhaft weigert, eine Kreuzfahrt anzutreten, bleibt unvergesslich.


 

Ruth Gantert
ist Redaktionsleiterin des dreisprachigen Jahrbuchs der Schweizer Literaturen «Viceversa» und der Plattform www.viceversaliteratur.ch. Sie lebt in Zürich.