Ort des Verbrechens ist die Welt

Man muss kein Kriminalfetischist sein, um den immer wiederkehrenden Reiz literarisierten Verbrechens zu geniessen. Dabei sind Krimis klassische Adoleszentenliteratur geblieben. Literatur für Adoleszenten jeden Alters. Die exklusive Fähigkeit, als Schund zu gelten, haben sie verloren; zweifellos produzieren andere Gattungen nicht weniger Wertlosigkeit. Längst sind Krimis Dutzendware geworden. Theologen, Hausfrauen, Anwälte und andere gelangweilte Zeitgenossen mühen […]

Man muss kein Kriminalfetischist sein, um den immer wiederkehrenden Reiz literarisierten Verbrechens zu geniessen. Dabei sind Krimis klassische Adoleszentenliteratur geblieben. Literatur für Adoleszenten jeden Alters. Die exklusive Fähigkeit, als Schund zu gelten, haben sie verloren; zweifellos produzieren andere Gattungen nicht weniger Wertlosigkeit. Längst sind Krimis Dutzendware geworden. Theologen, Hausfrauen, Anwälte und andere gelangweilte Zeitgenossen mühen sich massenhaft an ihrer Fabrikation, und kein Mensch mehr wahrt den Überblick. Immerhin wagten noch 1990 manche Experten allen Ernstes die Teilnahme an einer Umfrage nach dem «besten Kriminalroman aller Zeiten».

Friedrich Glausers Wachtmeister Studer soll als bester deutschsprachiger Krimi auf Platz 4 gelandet sein. Gut, Glausers Romane haben Patina angesetzt, und man liest sie mit einer gewissen Rührung, wie man vergilbte Fotos betrachtet, denn sie kennen als Resonanzkörper eine Schweiz, die es nicht mehr gibt. Doch mit Wachtmeister Studer hat Glauser einen stilbildenden Schweizer Serienhelden erschaffen, der den Untergang seiner Umgebung überlebt und viele Nachfolger gefunden hat.

Die Gattung steht ihrerseits in einer ehrwürdigen Nachfolge: Noch der schwächste Krimi erzählt das Geschehen im biblischen Paradies profanisierend nach und lebt vom dramaturgischen Glanz der Sündenfallgeschichte. Auch er handelt ja immer von einem «Fall»: Zuerst macht ein Verbrechen, stellvertretend für das Verbrechen schlechthin, die Welt schwarz und schlecht, und dann wird eine heilsgeschichtliche restitutio in integrum versucht durch Überführung des Täters und Sühne seiner Tat. Dem Bösen also ist Präsenz gesichert. Das Böse interessiert, aber ob es auch interessant ist, hängt von seiner Gestaltung ab. Nicht jede Feder ist ihm gewachsen. Biederkeit mag in der Lebenswelt zu neuen Würden kommen, doch in der Literatur gelangt sie über den Status eines Universalschädlings nicht hinaus. Auch im Krimi darf das Böse nicht banal sein. Verglichen etwa mit der simplen Machart pornographischer Narrative − eine kurze Einführung, ein Verführungsprolog, dann geht’s auf vorhersehbare Weise zur Sache − haben sich Kriminalgeschichten ohnehin zu einer komplizierteren Struktur fortentwickelt.

Das gattungsmässig einzig Unverzichtbare ist nur noch das Verbrechen als solches. Seine Erscheinungsform aber hat sich liberalisiert: Mord und Totschlag gehören zwar weiterhin zum Repertoire, doch die früher obligate Leiche braucht es heute nicht mehr zwingend. Das Delikt muss nicht mehr notwendigerweise aufgeklärt, das Bedürfnis nach Gerechtigkeit kann frustriert werden. Die Motive haben ihre detektorisch einst überragende Bedeutung eingebüsst, was den Schluss von möglichen Motiven zu wahrscheinlichen Tätern erschwert. Auch das
Psychogramm des Täters hat sich Schritt für Schritt verfeinert. Er ist vom «Normalo» nicht mehr zu unterscheiden, er ist wie du und ich, er ist du und ich. Wer immer in der Erzählung auftaucht, kann «es» gewesen sein. Zum Entsetzen der kriminalistischen Menschenvermesser und soziologischen Zwangssortierer ist jede signifikante Devianz zum deliktfreien «Bürger» verschwunden. Analoges gilt für den Detektiv, den Aufklärer. Er verkörpert das Gute, das sich durchsetzen und die Welt heilen soll, und da ist es nützlich, wenn es aus den eigenen Reihen kommt, also nicht von aussen oder oben, als deus ex machina. Auch der Fahnder, sei er Polizist oder Privatdetektiv, ist in der Regel kein Übermensch mehr, sondern einer wie wir. Immerhin erlaubt, ja erfordert sein Tun Unkonventionalität und Kreativität. Dadurch wird er ein wenig zum Künstler und nähert sich so dem Täter an, der zwar auch ein Bürger sein mag, aber nach der Gesellschaftsfiktion mit der Tat die Grenzen des Bürgerlichen überschritten hat. Und dass das Opfer schuldig ist, wissen wir nicht erst seit Franz Werfel. Dies alles zeigt: Die Differenzen im klassischen Dreieck von Opfer, Täter und Ermittler sind geschwunden. Eben das sichert die psychologische Attraktivität moderner Krimis.