Gotthelf in Dolby Surround

Alte Sagen über Gut und Böse, neu verpackt, komplex erzählt: Das war damals Gotthelf – das ist heute Hollywood. Das Horror- und Heimatdrama «Die schwarze Spinne» überspringt Jahrhunderte und erzählt doch immer dieselbe Geschichte. Hier der Trailer, Licht aus, Film ab.

Gotthelf in Dolby Surround
Yvonne Kunz, photographiert von Michael Wiederstein.

Emmental, 1842

Früh leuchtet an jenem Sonntag die Sonne majestätisch über den Bergen und erhellt die fetten Felder. Stattlich und blank erstrahlt das neue Bauernhaus in magischem, göttlichem Glanz. Mit kräftigen Strichen bürsten die Burschen die Backen der Pferde und beim Brunnen waschen stämmige Mägde ihre rotbrächten Gesichter. Da schlurft der Gross-vater, schweren Atems seine Pfeife schmauchend, über den Hof in die Küche, dort knistert Feuer. Wie bei der Taufe Sitte rührt die Hebamme einen Weinwarm an, mit Safran, Zimmet und Zucker. Im Esszimmer mit dem mächtigen Buffet aus Kir-schenholz rückt schön und etwas blass die Kindsmutter und Hausfrau die reiche Tafel zurecht. Aufgetürmt sind die Küchlein für die Gevatterleute, aufgetischt der Nidel im geblümten Hafen. Daneben dampft der Kaffee in einer glänzenden Kanne, davor liegt das eigentümliche Berner Backwerk, gross wie ein Jähriges und geflochten wie die Zöpfe der Weiber. «Morgen, Gotthelf», ruft der Grossvater einem Mann in den Rücken, der am Tische sitzt. «Sali, Ätti», antwortet der Angesprochene, sich drehend, und fährt verschmitzt fort: «Tausende von Engländern rennen durch die Schweiz, aber weder einem der abgejagten Lords noch einer der steiflichen Ladies ist je so ein Frühstück geworden.» Während im Hintergrund die Bauersfrau hantiert, sagt Gotthelf in die Kamera: «Ein solch Schmaus ist Zeugnis der Familienehre – doch eine einzige unbewachte Stunde kann Flecken bringen, die Blutflecken gleich unauslöschlich bleiben, jeder Tünche spottend.»

 

Kantonsschule St. Gallen, 1987

Glockengeschrill auf dem Gang durchtrennt das Zwiegespräch der Freundinnen und sie rutschen auf ihren Miniröcken nach vorn. Nicht in der hintersten Reihe, aber hinter Alex, schon im vierten Gymi 195 Zentimeter gross und 130 Kilo schwer. Ruhe breitet sich aus im sonnendurchfluteten Zimmer, und Lehrer Jakob fährt fort. Alsbald ist die Klasse in Wortwolken gehüllt; Binnenerzählung, Rahmenhandlung und jede Menge Vogelgezwitscher. Da ein brünstiger Krähenruf, dort ein Käuzlein an Waldes Saum und Schwalben, die um die Dächer flattern. Eine aufgeregte Fliege tanzt über den Köpfen der Klasse und landet auf dem Reclam-Buch, auf das eines der Mädchen ein Bauernhaus malt, mit einem geschnitzten Herzchen im Giebel. Wie bei jeder Liebe gilt auch beim Lesen: Timing ist alles und knapp 16 kein Alter für eine Erzählung über Gut und Böse aus der christlich-konservativen Feder eines Pfaffen von Lützelflüh. Zu frisch ist, erstens, das Trauma eines nicht enden wollenden Stroms kirchlicher Rituale. Mit Erstkommunion und Firmung der Katholiken hatte es angefangen, fand quälende Fortsetzung im eigenen Konfirmationsunterricht samt Pflichtanwesenheit bei Gottesdiensten, über Monate, und hörte bis zum Tag selbst nicht auf, denn nun heiratet der Cousin. All dies im Teenagertaumel, in dem man mit seinen Wochenenden Besseres anzufangen wüsste. Saufen, knutschen und kiffen zu lauter Musik, auch Minigolf ist okay, einfach möglichst weit weg von der Familie. Und wer sollte sich, zweitens, 1987 für «Augen wie Pflugräder» begeistern, wenn die Welt in kaltem Neon erstrahlt – nach Tschernobyl gar atomar verseucht. Eine offene Drogenszene und T-Shirts mit Iron-Maiden-Monstern prägen das Stadtbild,
«Gender-Bender Desireless» ist Nr. 1 der Jahreshitparade. «Voyage, voyage.» Das lässt sich nicht mit einem Biedermeier-Overkill vereinbaren. Vielleicht…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»