Editorial

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Liebe Leserinnen und Leser

Wenn Schweizer Schriftstellerinnen und Schriftsteller «Zukunft schreiben», so endet das erschreckend häufig in Löchern unter dem Berg. Eine lange literaturhistorische Linie verbindet dabei so unterschiedliche Temperamente wie Friedrich Dürrenmatt («Winterkrieg in Tibet»), Hermann Burger («Die Künstliche Mutter») oder Christian Kracht («Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten»): sie alle haben sich an Zukunftsvisionen der Eidgenossenschaft versucht, und sie alle führen ihre Protagonisten in Tunnels, wo letztere meist zwischen kalt ausgeleuchteten Stahlbetonwänden oder in ewiger Dunkelheit verschwinden. Tragische Helden, die ihre Löcher am Ende wieder verlassen dürfen, sind dabei selten – und selbst die suchen daraufhin möglichst rasch das (und die) Weite.

In jüngerer Zeit wird der populäre Réduit-Topos durch eine andere, auch nicht viel optimistischere Vision ergänzt, die des kollektiven Absaufens. Christina Viragh («Pilatus»)und Francesco Micieli («Liebe im Klimawandel») ersetzten die Platzangst in selbstverschuldeter Enge durch steigende Pegel. Einsame Gipfel werden Inseln, auf denen die mal mehr, mal weniger seligen letzten Eidgenossen stranden und irgendwie miteinander auskommen müssen.

Egal, ob die Zukunft also dem «Schweizer als Höhlenmensch» (Thomas Hürlimann) gehört oder dem Schweizer mit unfreiwillig «freier Sicht aufs Mittelmeer»: kaum eine literarische Zukunftsvision der Eidgenossenschaft kommt ohne Katastrophe aus. Die Dystopie hat die Utopien vergangener Jahrhunderte längst abgelöst, Technik, Wissenschaft und Forschung tauchen in neueren Zukunftsnarrativen zwar auf, sie machen die Sache aber nie oder nur selten besser. Warum ist das so, vor allem angesichts der technischen Entwicklung, die unsere Leben so beispiellos vereinfacht und meist eben auch verbessert hat?

Für diese Ausgabe haben wir dazu Forscherinnen und Forscher, Museumsleiter, Schriftsteller und Kulturjournalisten befragt. Damit Sie, während Sie künftig – und hoffentlich mit einem Rucksack guter Lektüre – durch den neuen Gotthardbasistunnel in Richtung Mittelmeer brausen, wissen, wo die Reise schon hingegangen ist. Und wo sie noch hingehen könnte.

Viel Vergnügen!

Ihr
Michael Wiederstein