«Ein Junge? Aber die langen Haare!»

Kind schaukeln. Schreiben.

«Ein Junge? Aber die langen Haare!»
Bild: zvg.

Fast panisch blickt sie zuerst zu mir, dann wieder zum Kind auf meinen Knien, dann wieder zu mir. Die S-Bahn fährt an, ein Ruck geht durch die Körper der Passagiere, mein Sohn lacht auf und legt sich eine Hand auf den Kopf. Kurz schaut die Frau mit dem schulterlangen, grauen Haar vis-à-vis weg, dann wieder zu uns; die oberen Strähnen hat sie Rosamunde-Pilcher-mässig zusammengebunden. Abgefahren. Die feinen hellen Haare meines Sohnes reichen ihm bis über die Ohren und kräuseln sich im Nacken. Da soll man noch die Welt verstehen.

Ich lächle und suche nach einer Erwiderung. «Sieht doch schön aus.» Nein. «Wir machen uns nicht viel aus Klischees.» Nein. «Schwul!» Nein. In der Ferne breitet sich der sattblaue Bodensee aus.

Schon als ich schwanger war, stellte ich fest: es gibt sie wirklich, die Trennung der Geschlechter anhand von populären Stereotypen, und es gibt auch wirklich diese Kinderkleidergeschäfte, in denen links Blau hängt und rechts Rosa. Junge, Mädchen – der Unterschied bindet sich kurz nach der Geburt ums Handgelenk, prangt auf dem Kopf, wird um den Körper gewickelt, klar, eindeutig, unwiederbringlich. Und im Bücherregal? Die «Geschichten für Jungs zum Lesenlernen» des Klett-Verlags werden geziert von einem Ufo, einem Polizisten und Piraten, das Exemplar für Mädchen von einem Pferd, einer rosa Prinzessin und einem Mixer (!) zu ihren Füssen.

Was es alles dazwischen gibt! Ich atme auf und durchstöbere meine innere Bibliothek. Da ist beispielsweise die 1972 von Ottfried Preussler erschaffene «dumme Augustine», Hausfrau und Mutter, deren Mann als Clown arbeitet. Als dieser eines Tages an Zahnschmerzen leidet, vertritt sie ihn kurzerhand. Fortan teilen die beiden Haus- und Zirkusarbeit. Und es gibt Ronja Räubertochter, die auf dem Cover des Oetinger-Verlags Pfeil und Bogen in den Händen hält. Mit ihrem wilden kurzen Haar ist sie nicht primär Mädchen oder Junge, sondern ein neugieriges Kind, das einen Wald durchstreift und die Welt erkundet. Es gibt Momo und Käpten Knitterbart, den kleinen Vampir und Heidi, und natürlich gibt es auch den Bengel Michel aus Lönneberga, zum Glück! Nicht zu vergessen sein weibliches Pendant Pippi Langstrumpf, die so stark ist, dass sie ihr Pferd eigenhändig heben kann. Das ist Literatur: Geschichten um Charaktere, nicht um Archetypen der Geschlechterklischees. Geschichten, die diese Klischees im Idealfall immer wieder aufbrechen und neu besprechen.

«Lesen Sie mal wieder», sage ich freundlich zur Frau gegenüber, stehe auf, setze meinen Sohn in den Kinderwagen und ziehe ihm seine blaue Mütze an. Sie blickt mit grossen Augen zu ihm. «Ein wirklich hübsches Kind», sagt sie, lächelt verkrampft und guckt dann wieder weg. Ich nicke rhythmisch. Jaja, ich weiss, er ist so hübsch – er könnte fast ein Mädchen sein. Das habe ich auch schon gehört. Dann drücke ich den Knopf: Halt / Öffnen. 


 

Laura Vogt
ist Schriftstellerin. Zuletzt von ihr erschienen: «So einfach war es also zu gehen» (VGS St. Gallen, 2016). In ihrer neuen Kolumne macht sie sich Gedanken zum Schrift-stellerin- und Muttersein.