Ent-Leibung

Ta-Nehisi Coates: Zwischen mir und der Welt. Aus dem Englischen von Miriam Mandelkow. Berlin: Hanser, 2016.

Jeder Bewegung, jedem Blick wohnt ein Verdachtsmoment inne, begleitet von permanenter Angst, die tief ins Leben greift. Das ist unglaubliche Realität für Schwarze in den USA. Oder deutlich nüchterner: «All das ist normal für Schwarze», schreibt Ta-Nehisi Coates in seinem Buch «Zwischen mir und der Welt». Die unzähligen Nachrichten, die durch die medialen Kanäle rauschen, sind nur die sichtbare Spitze des Eisbergs: Der afroamerikanische Schüler Trayvon Martin wird 2012 grundlos erschossen. Eric Garner zahlt 2014 mit dem Leben, weil er Zigaretten verkaufte und von der Polizei zu Tode gewürgt wurde. John Crawford wird im selben Jahr beim Schlendern durchs Kaufhaus von Polizisten erschossen. Der 18jährige Michael Brown findet im Sommer 2014 durch Polizeigewalt den Tod; allesamt Taten von struktureller Gewalt – gerechtfertigt durch das Ausführen «alberner Vorschriften», so Coates. Diese strukturelle Gewalt – die sich subtil im racial profiling, radikal im Töten unter dem Deckmantel des Gesetzes zeigt – will der 1975 geborene Journalist sichtbar machen. Er nimmt diese neuerliche Gewaltwelle zum Anlass, strukturellen Rassismus aufzuzeigen. In flammender Rede schreibt er seinem 14jährigen Sohn einen Brief: «Spätestens jetzt weisst du, dass die Polizeireviere deines Landes mit der Befugnis ausgestattet sind, deinen Körper zu zerstören.» Die «Zerstörung des schwarzen Körpers» wird in mantrischer Wiederholungsschlaufe dem Sohn und dem Leser ins Gedächtnis geschrieben.

Ta-Nehisi Coates kennt Angst und Unterdrückung aus dem eigenen Leben, was die ungeheuerliche Wortwucht erklärt – und das gelegentliche Pathos entschuldigt. Es ist die tägliche Angst vor der Ent-Leibung, die zwischen ihm und der Welt steht. Der Brief an den Sohn ist aber auch eine stille Hommage an James Baldwin, den grossen afroamerikanischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der in persönlichen Schilderungen Themen wie Rassismus, Identität von Schwarzen und Homosexuellen diskutiert hat. 1963 hatte Baldwin in «The Fire Next Time» ebenfalls in Briefform seinem Neffen die Bedeutung von Rasse in der amerikanischen Geschichte erläutert. Auch prägnante Formulierungen Baldwins wie «Menschen, die sich für weiss halten», «Menschen, die glauben, weiss zu sein» hat Coates übernommen. Auch Coates’ Reise nach Paris, die in seinem Leben einer Epiphanie gleichkommt, darf als Referenz zu Baldwin gelesen werden: dieser hatte 1948 den Rassismus in New York nicht mehr ausgehalten und war nach Frankreich exiliert. Anders allerdings als bei Baldwin schimmert bei Coates keine Hoffnung durch die Zeilen. Darin liegt auch eine Schwäche dieses Buches: Es ist nicht nur ein Erinnern der Angst, die dem schwarzen Körper eingeschrieben ist, sondern ein regelrechtes Heraufbeschwören derselben. Die Erfahrungen am eigenen Leib haben ihn zur Selbstbefragung gezwungen. Nur: es erstaunt, dass nirgends ein Perspektivenwechsel vorgenommen wird, kein dialektisches Befragen. Vieles verharrt schlicht im mantrischen Wiederholungsfuror.

Erschütternd ist die Lektüre dann, wenn Ta-Nehisi Coates konkret von der Kluft zwischen dem weissen amerikanischen Traum und dem schwarzen Elend berichtet. Subkutane Angst hier, ein selbstverständlich sorgenfreies Leben dort. Sicherlich aber ist die luzide, wenn auch an manchen Stellen etwas gar einseitige Zeitdiagnose Coates’ ein eminentes Zeugnis dessen, was es heute heissen kann, in den USA schwarz zu sein. Was dem Sohn bleibt: weiter zu kämpfen, zu erinnern, «lesend einen Ausweg finden».


Miriam Hefti
ist Germanistin und Kulturjournalistin. Sie lebt in Zürich.