Gute Helden, schlechte Literatur

Seit es Literatur gibt, gibt es Kriegsgeschichten. Am besten sind jene, die auf Einzelpersonen fokussieren – ohne sie zu Helden zu stilisieren. Sagt Charles Lewinsky, der in seinen Romanen versucht, die nicht erlebte Kriegszeit «wahr» zu erfinden. Ein Gespräch über das tragische Schreiben von glücklichen Nachgeborenen.

Gute Helden, schlechte Literatur
Charles Lewinsky, photographiert von Lukas Maeder.

Herr Lewinsky, Sie sind 1946 geboren, kurz nach dem Krieg, mit dem Sie sich in Ihren letzten Romanen intensiv beschäftigt haben. Was fesselt Sie an dem Thema, welche persönliche Beziehung haben Sie zu ihm?

Kann man eine persönliche Beziehung zur Pest haben? Die Menschheit neigt dazu, in regelmässigen Abständen wahnsinnig zu werden. Mehr will ich zum Krieg nicht sagen, denn ich muss gleich protestieren: Ich habe mich intensiv mit der Weimarer Republik befasst, einer sehr spannenden Zeit. Da galt quasi über Nacht plötzlich Altbekanntes nicht mehr. Mit dem Krieg beschäftige ich mich dagegen kaum. Er ist bloss das böse Ende jener Zeit, die mich interessiert. Und doch werde ich dauernd auf dieses Thema angesprochen!

 

Das dürfte damit zu tun haben, dass der Zweite Weltkrieg re-spektive dessen Auswüchse (Propagandafilme) und Einrichtungen (Ghettos) in Ihren Romanen – «Kastelau» und «Gerron» – den prägenden Hintergrund bilden.

Es hat vor allem damit zu tun, dass die Leute immer die schlimmste Entwicklung als Ausgangspunkt nehmen und Geschichten im allgemeinen vom Ende her denken. Man konnte das jüngst beobachten: In England etwa sind dieses Jahr grauenhaft viele Artikel über junge Dichter erschienen, die im Ersten Weltkrieg gefallen sind. Die Dichter wurden darin auf die Tatsache reduziert, dass sie im Krieg gestorben sind. Ihr Leben davor fiel schlicht aus dem Bild. Das ist eine Verzerrung, die sich scheinbar zwangsläufig ergibt, wenn man über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts schreibt – denn es ist unmöglich, über diese Zeit zu schreiben, ohne den Krieg zu thematisieren. Auch wenn man ihn nicht ins Zentrum rückt: Man kommt wohl nicht um ihn herum.

 

Auch nicht als Schriftsteller aus einem Land, das es geschafft hat, um den Krieg herumzukommen?

Durchgemogelt haben wir uns! Während der Zeit des «Dritten Reiches» hat sich die Schweizer Regierung nie heldenhaft verhalten. Sie hat sich ein wenig in die, ein wenig in die andere Richtung verbogen und sich allen ein klein wenig nützlich gemacht. Und damit hat sie dem Land Gutes getan. Sicher wäre es heldenhafter gewesen, die Zusammenarbeit mit dem «Dritten Reich» zu verweigern – nur wären dann die Deutschen einmarschiert und hätten die Zusammenarbeit erzwungen. Wobei zusätzlich einige Prozent der Schweizer Bevölkerung gestorben wären. – Manchmal ist es eine Tugend, kein Held zu sein. Die Forderung nach Heldentum ist unfair.

 

In Ihrem Roman «Kastelau» wird aber gerade Heldentum eingefordert. Das Ende des «Dritten Reiches» ist absehbar, und eine Filmcrew beschliesst, in den Bergen einen Durchhaltefilm zu drehen, um der Berliner Bombengefahr zu entkommen. In einer Filmszene sagt einer zu seiner Mutter, er wolle sein Leben für das Vaterland geben. Schliesslich sei er ja bloss ein Rädchen im Getriebe. Das wirkt auf den Leser wie eine Parodie, aber warum bloss?

Weil es sich um einen furchtbar künstlichen Filmhelden handelt! Die pathetische Filmszene wirkt gelesen bloss lächerlich, und das soll sie auch. Ich wollte das Heldentum entlarven. Helden brauchen extreme Vereinfachungen, und Vereinfachungen sind gefährlich. Zudem sind sie auch nicht überzeugend: Nennen Sie mir ein Buch mit einem reinen Helden, das überdauert hat! Reine Helden sind schlechte Literatur, weil sie schlechte Wirklichkeit sind.

 

Aus dem Nazi-Helden wird in Ihrem Buch daraufhin ein Widerstandskämpfer: Die Szene wird am Schluss neu gedreht, um die Amerikaner zu täuschen. Statt für das Vaterland wird nun für die Freiheit gestorben. Die Argumentation bleibt dieselbe.

Und das soll sie auch, denn ich wollte zeigen, dass die Dinge manchmal näher beieinanderlagen, als man meint. Im nachhinein ist es ja immer einfach, von klaren Schwarz-Weiss-Mustern auszugehen. Dann beanspruchen plötzlich alle, auf der richtigen Seite gestanden zu haben. In Deutschland haben der Legende zufolge mehr Leute einen Juden im Keller…