Geschichte sucht Erzähler

Dominik Bernet: Das Gesicht. Muri bei Bern: Cosmos, 2012.

Geschichte sucht Erzähler

Etwas betagt, aber gänzlich unverbraucht bietet diese Zürcher Affäre vom Plot über den Kontext bis zu den Protagonisten alles, was ein Autor mit intellektuellem Flair und kriminalistischer Ader zum Glück braucht: Anno 1776 wurde den 1200 zum Buss- und Bettag im Grossmünster versammelten Gläubigen Messwein ausgeschenkt, der Spuren von «spanischem Pfeffer, Stechäpfeln, Schwertlilien, Fliegengift und wahrem Arsenik» enthielt. Todesopfer war zwar keines zu beklagen, die Stadt aber in Aufruhr und die Gerüchteküche am Brodeln, derweil die Obrigkeit mit dem Totengräber einen usual suspect verhaftete, durch eine anonyme Flugschrift bald selber des Verbrechens bezichtigt wurde und in eine veritable Politkrise taumelte. Mit Zürich bewegte sich Europas Blätterwald, in dem Vernunft- und Gottesgläubige eine Debatte um die Herkunft des Bösen ausfochten, die Pfarrer Lavater aus der Waisenhauskirche mit furortriefenden Predigten befeuerte. Trotz dessen Entschlossenheit, das «Siegel des Satans» aufzubrechen, blieb der Weinvergifter, so es ihn gegeben hat, ungefasst – und die ganze Geschichte, die Lavater in verschiedenen Texten festgehalten hat, unerzählt.

Diese erstaunliche Lücke füllt nun Dominik Bernets «Gesicht», das den reichen Stoff in einen Kriminalroman überführt. Die Rolle des Ersten Ermittlers spielt darin Lavater oder vielmehr dessen forensische Physiognomik: Getrieben von der Überzeugung, dass die spezifische Gestalt seines Gesichts den ruchlosen Täter als solchen entlarve, legt der wundergläubige Pfarrer eine umfangreiche Verbrecherporträtsammlung an, hetzt auf der Suche nach dem «Ungesicht» durch das alte Zürich, begegnet seiner eigenen aufklärerischen Vergangenheit, gerät auf Abwege, falsche Fährten und immer wieder in Kloaken. Offensichtlich behagt Bernet das Wühlen in den Untiefen des vaterländischen Fundus. Die Perlen, die er hier aus der Historie birgt, bringt er indes nicht recht zum Glänzen. Zwar hält sich der Roman oft eng bis ins wörtliche Detail an Lavaters Schriften, doch schafft er es nicht, deren Emphase zu transportieren. Die fiebrige Leidenschaft, die den Pfarrer beseelte, wird von einem paraphrasierenden Erzählton und in saloppen Dialogen erstickt – holzschnittartig bleiben auch die Figuren, die Bernets Zürich bevölkern. Wohl sind ihre Regungen von all dem Elementaren gespeist, das das facettenreiche 18. Jahrhundert zu bieten hatte – Religiosität und Souveränität, Rationalität und Schwärmerei –, nur verweben sich diese Hintergründe nicht zu einer vibrierenden Atmosphäre, sondern entwickeln sich durch Aus- und Überformulierung zum schwelenden Ärgernis. Und wo zu diesem historischen Komplex Kreationen des Romanciers treten, ist das nur beschränkt bereichernd. Seinem Lavater etwa stellt Bernet einen Waisenhausknaben zur Seite, der sich, um der Liebe einer Geistheilerin willen, ebenfalls an der Physiognomik versucht – und dabei nicht nur das Gesicht, sondern seinen ganzen Körper an den interregionalen Leichenhandel verliert. Die so zum Schluss hin immer wilder wuchernde Imagination ist zwar zuweilen schaurig überraschend, selbst der Rauch, der aus pilzumkränzten Schädellöchern qualmt, ist aber nicht in der Lage, dem Leser die Klarsicht zu vernebeln: Die Handlung ist trotz erzählerischer Kniffe absehbar, das Groteske verbindet sich nicht mit dem Platten. Glückliche Paarungen sind auch in der Literatur eine Rarität.