Liebesdienste

Ausschnitt aus dem Manuskript «Es begab sich»

Liebesdienste

Zufällig war er darauf gestossen und sogleich wusste er: das wird Schicksal. Zufällig hatte er es im Internet entdeckt und sogleich war der Zufall schon kein Zufall mehr, weil die Aufmerksamkeit auf den Zufall schon Schicksal schafft. Reiche Frauen suchen ein Date hiess das Portal, und wie er es anklickte, sah er sogleich Photos mit Profil und Vorlieben. Es war seltsam wunderbar, wie er jetzt auf einen Schlag seine gesamte Bestimmung verstand, und das mit 47 Jahren, und er wunderte sich sowohl, wie es so klar sein konnte, als auch, dass er zugleich noch nie auch nur einen Gedanken dazu gehabt hatte: Liebesdiener zu sein. Wenn ihm irgendetwas heilig war, war es das Lieben, nackt und völlig hingegeben. Das ist die Poesie, ja, und lange war sie ihm alles, und er war sich gewiss: Wer nichts kann als nur lieben, dem füllt sich das Leben mit Poesie, und in und aus der Poesie wächst und brennt in allem der Eros, die Sprache selbst wird unversiegbare Lust. Diese Lust der Poesie ist in aller Verborgenheit Prostitution. Diese intimste Nacktheit vor der Sprache oder vor dem Leser gibt sich jedem und jeder rückhaltlos hin und empfängt dafür Begeisterung und Glauben und Ekstase. Aber das ist genau das Christliche selbst: der Liebesdienst für alle, das Verrichten der scheinbar niedrigsten Dinge mit heiliger Hingabe. Die innigste Offenbarung des Christentums ist seine bedingungslose Erniedrigung bis zum Tod. Und es ist Verdrängung zu meinen, das habe nicht auch mit der Nacktheit zu tun. Maria aus Magdala war Prostituierte und erst recht die Auserwählte. Und so sass er vor diesen Photos der einsamen Frauen, die so leiden an Sexarmut, dass sie dafür auch Geld und Peinlichkeit nicht scheuen, dies allein machte sie schon liebens- und erst recht liebes-würdig. Meist waren sie fünfzig oder sechzig Jahre alt, aber umso liebesbedürftiger, so dass er ihnen Lust zu schenken wünschte und mit Lust alles tun wollte, was sie sich wünschten. 2000 Franken für ein Date, wie im Märchen! Geld macht frei, dieser Geist bleibt den Tieren verschlossen. Nur dass Reichtum gleichgültig und überdrüssig und herzlos macht, ist die Teufelei des alles entweihenden Mammons. Doch hier wird die heilige Liebeslust zugleich reichlich entlöhnt. So sass er vor den Photos und kam vor Staunen und Vorlust nicht mehr von den 400 Frauen weg, die sich hier auf alle Kantone verteilt vorstellten. Wie war es nur möglich, dass er so lange nicht erkennen konnte, dass die Liebesdienste für einsame Frauen auch sein traumhaftes Brot waren, dass er nicht nur die Offenheit für die Fremde leben, sondern damit auch noch irdischen Lohn empfangen mochte. Und nun war vollends klar, warum er seinen Körper schon immer zwanghaft fit und sensibel halten wollte: um für die Liebe jederzeit geeignet zu sein. Sowohl für die Geliebte als auch für die Unbekannte und nun also auch für die ihn dafür Bezahlende. Nun nahm sein Ende seinen irreversiblen Anfang.