Herr Marzianis Experimente

Eine Kurzgeschichte.

Herr Marziani arbeitet an einem Buch. Er spürt schon dessen Form, ahnt die Inhalte und Bezüge und erkennt den Sinn, auch wenn er manchmal den Eindruck hat, das bereits Geschriebene sei nicht mehr als ein Sammelsurium abgedroschener oder unverständlicher Sätze.

Vor Herr Marzianis Haus hat man innerhalb weniger Monate zwei siebenstöckige Wohnblöcke hochgezogen. Herr Marziani steht mit einer Tasse in der Hand am Fenster, beobachtet den Kran und das Treiben der Arbeiter und kehrt dann an den Tisch zurück, um etwas zu schreiben oder zu streichen. Wenn ihn jemand fragen würde, was er gerade tue, würde er ohne jede Selbstgefälligkeit «nichts» antworten.

Herr Marziani weiss genau, dass zu viele Bücher geschrieben und publiziert werden. Warum tut er es dann auch? In Wirklichkeit wird ein Buch nicht einfach produziert, um es zu den bereits existierenden hinzuzufügen, in der Literatur gibt es keine Akkumulation, es gibt nur eine Praxis des Denkens und der Vorstellungskraft, lebendige oder tote Sprache, Bewegung oder Stillstand, Verständnis oder Unverständnis, authentische oder falsche Figuren, Präsenz oder Vergessen.

Herr Marzianis Tätigkeit besteht eigentlich nicht darin, ein Buch zu schreiben, etwas Vollendetes zum Abschluss zu bringen, sondern vielmehr darin, zu studieren und zu experimentieren, auch wenn er weder genau sagen könnte, was er studiert, noch welches die Gegenstände und Methoden seiner Experimente sind.

 

Familienanthropologie

Herr Marziani ist glücklich, dass er eine Familie hat. Er interpretiert Kafkas Aphorismus «Was ist fröhlicher als der Glaube an einen Hausgott!» gern auf seine Weise. Für manche, Kafka eingeschlossen, ist die Familie eine Falle, sind das Vater- oder Muttersein ein Fluch oder zumindest gleichbedeutend mit Selbstaufgabe, mit einer Niederlage, einer Kapitulation vor dem biologischen Prinzip der Fortpflanzung der Arten, doch Herr Marziani sieht das anders, zumindest bisher.

Um nicht ins Sentimentale abzugleiten, spricht er von den Kindern wie von einem der vielen Experimente, mit Hilfe derer ein Mensch versuchen kann, sein Wissen über die eigene, sich selbst anmassend als Homo sapiens sapiens bezeichnende Spezies zu vertiefen.

Man nehme ein anderthalbjähriges Kind, sagt Herr Marziani, und beobachte, wie es sich durch seinen Körper und die Gegenstände ausdrückt, die es zu fassen bekommt. Sprachliche Darbietungen begleitet es mit kleinen Pantomimen: Heute imitiert es eine Gebärde oder eine Klangfolge, ohne zu wissen, was es tut oder sagt, morgen ist alles bereits assimiliert und gehört zum Repertoire. Kinder geben laufend Beispiele eines sich durch Transformation, Assimilation und Einfühlungsgabe wandelnden Wissens.

Man nehme ein fünfjähriges Kind, sagt Herr Marziani weiter, man nehme die Geschichten, die es rund um jene Dinge spinnt, die es beeindrucken: Sie sind wie die Hypothesen eines Wissenschafters, der einem Phänomen gegenüber, das sich ihm noch entzieht, aber dem er sich auf diese Weise dennoch annähern kann, seiner Phantasie freien Lauf lässt. Zum Beispiel: «Stimmt es, dass die Sonne irgendwann erlöschen wird? Ist es dann dunkel? Ich will nicht, dass die Sonne erlischt. Vielleicht können wir mit einer Rakete hinfliegen und sie mit einem Streichholz wieder anzünden. Ist es so, als wäre kein Holz mehr da? Aber wieso fällt das Holz nicht runter?»

Auf der…

Am Schreiben bleiben
In Reih und Glied: Stifte von Ludwig Hohl (SLA, Bern).
 © Schweizerische Nationalbibliothek (NB), Simon Schmid.
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Verzettelt sind sie alle – ob Petrarca oder Sargnagel. Ein Disput über Bilder von der Schriftstellerei, geführt mit Max Frisch aus der Tube.

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