«Herr Mezger, haben Sie, bevor Sie anfangen, einen Plan?»

Viele Lesende ahnen bereits, dass kein Roman entsteht, indem man einfach so drauflosschreibt. Hier eine Anleitung, falls Sie sich selbst mal ransetzen wollen. Bevor man sich ans Schreiben macht, braucht es ein Gerüst: Als erstes denkt man sich einen Hauptcharakter aus (zum Beispiel einen jungen Mann namens Paul); dieser braucht einen Konflikt, den er mit […]

«Herr Mezger, haben Sie, bevor Sie anfangen, einen Plan?»
Daniel Mezger (zvg.)

Viele Lesende ahnen bereits, dass kein Roman entsteht, indem man einfach so drauflosschreibt. Hier eine Anleitung, falls Sie sich selbst mal ransetzen wollen.

Bevor man sich ans Schreiben macht, braucht es ein Gerüst: Als erstes denkt man sich einen Hauptcharakter aus (zum Beispiel einen jungen Mann namens Paul); dieser braucht einen Konflikt, den er mit sich rumträgt (Paul will Schriftsteller werden, oder soll er Zahnarzt bleiben?). Prima. Jetzt eine Grundsituation, die hilft, seinen Konflikt zu beleuchten (Paul muss zurück in die Provinz, sein Vater liegt im Sterben), und einen -Antagonisten (Pauls Vater ist Zahnarzt), der herausfordert (Paul soll seine Praxis weiterführen), aber auch ambivalent ist (er ist nett). Zu viel Personal soll der Roman nicht -haben (Pauls Mutter ist früh gestorben), aber natürlich braucht es eine Liebesgeschichte (Jolanda), die ab Seite fünfzig losgeht, die Hauptfigur in weitere Konflikte stürzt (sie ist Zahnarzthelferin) und ein Geheimnis birgt, das erst spät rauskommt (sie ist die Ex-Geliebte des Vaters). Wichtig: das Objekt der Begierde (Jolanda) soll nicht zu eindimensional sein (sie ist Legasthenikerin). Nun -verschaffen wir unserem Hauptcharakter unterschiedliche Situationen (Klassentreffen), problematische Begegnungen (Jolanda am Sterbebett des Vaters) und Momente der -Reflexion (Spaziergänge). Dazu ein paar Verirrungen (Sex mit einer Jugendliebe). Anhand neuer Konflikte (Jolanda hat einen Sohn aus früherer Beziehung) zeigt er Stärke (der Sohn hat schlechte Zähne, Paul hilft) und Schwäche (er liest -Jolanda sein Buch vor). Am Ende sollte er vor einer grossen Entscheidung stehen (Provinz oder Stadt? Liebe oder Schreiben?) und etwas für etwas anderes -opfern (er geht in die Stadt und schreibt ein Buch über das, was er erlebt hat).

Das ist der Plan. Nun geht man ins Detail, gestaltet jede Szene genau aus, am Schluss füllt man noch Wörter ein. Am besten hauptsächlich schöne Wörter. Und nicht zu viele Adjektive.

Und wenn Sie sich bis jetzt an das Vorgehen halten konnten: Gratuliere! Bleiben Sie Zahnarzt!


 

Irgendwann gegen Ende einer Leseveranstaltung wird endlich die Runde geöffnet und das Publikum darf Fragen stellen. In der Kolumne «Schlussfrage» gibt der Schriftsteller Daniel Mezger Antwort. Ein für alle Mal.

Nächstes Mal: Herr Mezger, wird Ihr Buch verfilmt?