Literarische Kurzkritik #52

Von Lesern für Leser

Blumen im Tunnel

Zora del Buono: Gotthard. München: C.H. Beck, 2015.
besprochen von Lukas Linder, Schriftsteller, Basel.

Was für eine Reise! An ihrem Ende findet sich der Leser, ähnlich entgleist wie der Eisenbahn-Fetischist Fritz Bergundthal, in der Berliner Wohnung des letzteren wieder. Das Erlebte fiebert nach. Die rasch herbeibeorderte Italienischlehrerin, eine Olivia Mancini, stellt labsame Häppchen auf den Salontisch, vor dem man auf dem Sofa mitsamt seiner Seele ausrangiert ist und die Wirklichkeit merklich an Farbe verliert, verblasst, verschwindet, als wäre sie niemals da gewesen.

Was ist passiert? Fritz Bergundthal ist ins Tessin gereist. Zum Gotthard, wo es Lokomotiven in dem Augenblick zu fotografieren gilt, da sie aus dem Tunnel geblocht kommen. Angetroffen hat er auch eine Handvoll Menschen, vom Leben am und im Berg bis in die innere Physiognomie durchformt. Ein Mikrokosmos aus Tunnelarbeitern, Huren und Nachbarn. Mit bizarren Namen, so als hätte Fellini sie einstmals geträumt. Da wäre zum Beispiel Dora Polli-Müller, die Tag für Tag im Garten ihres Häuschens grad unter der Autobahn irgendetwas anstreicht, Tag für Tag im Bikini, «grossblumig und bunt und ziemlich knapp». Ihr Mann Aldo braust derweil auf dem Motorrad durch die Gegend. Früher hat er zu den Tunnelarbeitern gehört. Doch nach einem mysteriösen Vorfall im Jahre 75 hat er angefangen, sich in sich selbst zu verkriechen, wozu unbedingt der Helm gehört, den er am liebsten auch beim Schlafen tragen würde. Überhaupt ist der Kopf in dieser Novelle in ständiger Gefahr. Flavia, die burschikose Tochter mit dem «Freihäitstigg», ist die einzige Frau unter den vermännerten Arbeitern, die sich an den Felswänden entlangschleichen und sich den vom Schweiss verklebten, juckenden Rücken wundschaben. Abends zecht sie mit ihnen. Und ihr Blick folgt ihnen eifersüchtig, wenn sie mit der drallen Monica das Neves Teixeira aufs Zimmer verschwinden. Aber die Erotik knistert nicht in dieser Geschichte. Sie rumpelt wie der «TEE RAe II 1053 Gottardo» auf dem Schienenweg durch den Tunnel. Es geht um die Sehnsucht nach dem Exzess, nach dem Schrillen, Lauten, das die Wirklichkeit zerschneidet. Und natürlich stöhnt es psychoanalytisch aus der Tiefe des Gotthards heraus. Rein also in die Finsternis mit ihrer unermesslichen Tiefe! Und sobald man dem lustvoll-dröhnenden Dunkel entkommen ist, gleicht man einem «aus der Erde kriechenden Wurm, weisshäutig und fahl».

Es ist schon einmal ein Schweizer Schriftsteller zum Gotthard gereist, um sich vom Berg verschlucken zu lassen. Gäbe es einen Dialog zwischen Zora del Buonos «Gotthard» und Hermann Burgers «Die künstliche Mutter», so raunte die eine dem anderen wohl zu: «Hör auf, deine Seele auszuziehen! Du kommst ja doch an kein anständiges Ende damit. Mach lieber etwas Praktisches: zieh die Schuhe aus!» Anstatt sich auf den verschlungenen Pfaden des Unterbewussten zu verlieren, beobachtet Zora del Buono lieber, was an der Oberfläche passiert. Und wie sie das tut, ist einfach nur zum Niederknien. Sie sieht den Lippenstift, der in die zahllosen Mundfältchen geflossen ist, so dass sie «wie rot geschwungene Miniaturkämme» aussehen. Ihr fällt die Kapernfrucht auf, deren Stiel mit den Schneidezähnen abgebissen wird. Von einem, der im Laufe der Zeit zehn Zentimeter kleiner geworden ist, schreibt sie: «Auch sein Auftreten war geschrumpft.»

Was als verschlafene Bestandesaufnahme eines Häufchens vom Zufall an den Gotthard geworfener Menschen beginnt, entwickelt sich so Seite für Seite zu einem immer surrealeren Gebilde, das das lesende Auge bald höhlenartig aufreisst, während ihm die Bilder immer schneller entgegengeschleudert werden. Und dann findet man sich am Ende dieser meisterhaften Novelle in der biederen Stube des Fritz Bergundthal, das Nachfieber im Kopf, die Bildblitze auf der Netzhaut, während um einen herum die Wirklichkeit ihr zahnloses Gebiss zeigt und alles in einem mehr will von dem Schrillen, dem Lauten, dem Überbordenden.

 

Hurra, die Welt geht unter?

Heinz Helle: Eigentlich müssten wir tanzen. Berlin: Suhrkamp, 2015.
besprochen von Florian Oegerli, Kulturjournalist, Basel.

Der Titel von Heinz Helles zweitem Roman mag klingen, als handle es sich um die Autobiographie einer Gestaltungstherapeutin, die durch Eurythmie zu sich selbst gefunden hat: heiter, entspannt. Stattdessen entpuppt sich sein apathischer Ich-Erzähler bereits auf Seite drei als Vergewaltiger. Und getanzt wird höchstens, um in der Winterkälte nicht zu verrecken.

Worum geht es? – Vier Männer, seit Jugendjahren befreundet, ziehen sich in eine Berghütte zurück, um ihren Erinnerungen nachzuhängen. Als sie die Hütte verlassen, steht das Tal in Flammen, Leichen säumen die Hauptstrasse. Nahrung gibt es kaum mehr. Die Männer schleppen sich durch Bayern, treffen auf halbverhungerte Kinder, denen sie nicht helfen, und nächtigen in aufgetauten Supermarktiefkühlräumen. Manchmal stirbt einer. Und die Verbliebenen gehen weiter, als wäre nichts geschehen.

Es geht also einmal mehr die Welt unter. Heinz Helle, Philosoph, Werber und Meister des stoischen Autorenfotos, wagt sich an ein Thema, das in Zeiten von Endzeit-Fernsehserien wie «The Walking Dead», «The 100» oder «The Kardashians» auf den ersten Blick nicht allzu originell scheint. Doch Helle verpasst dem Thema einen philosophischen Twist – und der hat es in sich! Während für Autoren wie den Pulitzer-Preisträger McCarthy («Die Strasse») das Gute im Menschen auch zu Endzeiten eine kleine Chance hat, stellt Helle die wirklich unbequemen Fragen. Zum Beispiel, was den Menschen ausmacht – und ob er ohne Zivilisation, ohne soziale Umwelt überhaupt Mensch ist. Diese Leitfrage stellen sich die Männer sogar selbst, als sie sich in einer Rückblende in der Hütte noch nichtsahnend Post-it-Zettel auf die Stirn heften. «Das Spiel hiess: Wer bin ich? Und es begann für jeden jedes Mal mit der gleichen Frage: Lebe ich noch?»

Wie menschlich ist, wer nicht-viel-mehr-als-am-Leben ist? Helle, der bereits in seinem Erstling das reduktionistische Menschenbild der Naturwissenschaften kritisierte, gibt keine erhebende Antwort. Die Männer erleben sich selbst bald nicht mehr als Menschen, sondern als «ein über mehrere Körper verteilter Wille», neben dem «kein Raum mehr für irgendetwas anderes» ist. Während sie abmagern, kommt ihnen die Sprache abhanden: «Aus Einwortsätzen werden mürrische Grunzer oder halbherzige Gesten, nach und nach treffen sich nicht mal mehr unsere Blicke.» Es zählt: das Fressen. Stehen am Anfang des Romans verkohlte Schafe und erschlagene Hunde auf dem Speiseplan, überbrücken die Protagonisten später mit dem Kauen von Rinde die Zeit zum Kannibalismus.

Nein, «Eigentlich müssten wir tanzen» ist keine leichte Lektüre. Dafür sorgt der Roman im besten aristotelischen Sinne für eine Katharsis. Am Schluss ist der Leser froh, dass die Welt, die Zivilisation um ihn herum weiter bestehen. Im angenehmen Gegensatz zur Durchschnittsapokalypsenkost, die die infantile Lust an der Zerstörung bedient, erinnert Helle daran, dass Zivilisation keineswegs ein Natur-, sondern über die gesamte Menschheitsgeschichte hinweg immer noch ein Ausnahmezustand ist – auch wenn Untergangssehnsüchte aktuell in Mode sind. Trotz dieser finsteren Thematik blitzt übrigens zuweilen Helles lakonischer Humor auf, etwa als einer der Protagonisten den Hauptvorteil der Apokalypse entdeckt: «Der Immobilienmarkt ist auf Jahrzehnte sicher vor Überhitzung.»

 

Filzpantoffelig

Jill Alexander Essbaum: Hausfrau. Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné. Frankfurt: Eichborn, 2015.
besprochen von Sarah Pines, Journalistin, Palo Alto.

Die Hausfrau, Glamour oder putzkittelgraues Unglück? Auf Dolce-&-Gabbana-Werbephotos waschen Müttermodels in ausgeschnittenen Leopardenkleidern Teller per Hand; in der TV-Serie «The Real Housewives of Orange County» haben sie glattgeföhnte Haare und Porzellanhaut, tragen Herve Leger schon beim Frühstück – und bespitzeln zwischen Schönheits-OPs andere Nachbarinnen. Vielleicht sind sie nicht ganz glücklich, aber sie wissen ihre Tage zu füllen. In Romanen wurden gelangweilte Ehe- und Hausfrauen zu Kurtisanen, tragischen Heldinnen. Anna Karenina, dann Emma in Flauberts «Madame Bovary» (1857), einem der bedeutendsten Romane der Welt: inspiriert von Ritterromanen beginnt Emma, enttäuscht vom monotonen Leben in der Provinz und ihrem behäbigen Ehemann Charles, ein Verhältnis mit einem Kanzlisten und dem adeligen Provinzbeau Rodolphe, treibt darüber ihre Familie und sich selbst in den Ruin.

In Jill Alexander Essbaums Romandebüt «Hausfrau» ist der Weg einer gelangweilten Zürcher Expat-Hausfrau in immer grösseres Unglück weder glamourös noch erhaben-tragisch. Es ist depressiv, bestürzend grau, einsam: Anna, Bankerfrau des Credit-Suisse-Angestellten Bruno – mittleres Management, gutes Gehalt, dröge, durchschnittlich aussehend, leicht herablassend – und Mutter dreier Kinder, ist Hausfrau. Solider Mittelstand, ein durchschnittlich grosses Haus in Dietlikon; in der Nähe wohnt die Schwiegermutter, zum Babysitten. Anna fühlt sich nach neun Jahren Schweiz immer noch fehl am Platze; Deutsch spricht sie kaum, schon gar nicht Schwyzerdütsch, empfindet sich als uneleganter, tollpatschiger, unzulänglicher als einheimische Frauen. Einsamkeit, Heimweh und Fremdheitsgefühle wecken den Wunsch nach sexueller Abwechslung jenseits des eigenen Ehebettes. So wird Anna in einem Deutschkurs der «Klubschule» zur Verführerin ebenfalls unspektakulärer Männer.

Eigentlich Dichterin aus Texas und derzeit Literaturprofessorin in Kalifornien, hat Jill Alexander Essbaum ihre Eindrücke der Schweiz ihrer eigenen Zeit in Zürich, als Essbaums Mann am C.-G.-Jung-Institut in Küsnacht studierte, zu verdanken. Sie fand keinen Traum aus Lindtschokolade und Rolex vor, sondern wähnte sich offenbar in einem engstirnigen Gefängnis vor Zürichsee-Kulisse. In der Schweiz, überlegt denn auch Anna, outet schon ein freundliches Lächeln den Amerikaner, die Eidgenossenschaft erscheint als effizient und kalt: Hier, so denkt Anna schon zu Beginn des Buches, haben Züge bloss nur aus einem Grund Verspätung: wenn sich jemand vor sie wirft. «Das Dach Europas» – am schönsten dort, wo es unbewohnbar ist.

Diese moderne Emma aus Dietlikon, getrieben von unerfüllten Sehnsüchten und Träumen, unterscheidet sich dann auch stark…