Prosaische Fragmente zur Lyrik

Die Lyrik dieser Tage hat einen schweren Stand. Ihr Problem sind nicht nur die zahlreichen Verächter, die sich über ihre angebliche Hermetik, Esoterik oder Komplexität beklagen. Nein, es ist die Prosa unseres Lebens, die dem Leben der Poesie im buchstäblichen Sinne den Prozess macht.

Dass es «schlechte Zeiten für Lyrik» sind, wissen ja nicht nur die Dichter, sondern mittlerweile und seltsamerweise auch die, die Gedichte gar nie lesen. Es macht den Anschein, als ob die «Entzauberung der Welt», die Max Weber mit der industriellen Revolution und der Moderne verband, denen zurückbezahlt werden soll, die sie ans Verzauberte und Verzaubernde noch mahnen – den Dichtern also. Weil die Welt so ist, wie sie ist, eben die Prosa des Lebens, darf das, was an ihr Gegenteil erinnerte, nicht in den Blick kommen. Weber sprach vom «stahlharten Gehäuse» asketischer Berufspflicht, auf das wir zugehen, von «Fachmenschen ohne Geist, Genussmenschen ohne Herz», Horkheimer und Adorno vom «Verblendungszusammenhang» – alle drei eigentlich mit einem fast schon lyrischen Ton –  und Friedrich Hölderlin sah in «Brod und Wein» schon in der Morgenröte der Moderne die «heilige Nacht» und die Frage aufkommen: «Wozu Dichter in dürftiger Zeit?» Ja, die Prosa des Lebens steckt die Poesie an. Flaubert bringt das chronische Missverhältnis auf den Punkt: «Um dem französischen Geschmack zu gefallen, muss man die Poesie, wie man es mit Pillen macht, in einem farblosen Pulver fast verstecken und ihm sie so zum Schlucken geben, ohne dass er davon Ahnung kriegt.»

«Gesang ist Dasein», so lautet eine Zeile zur Dichtung aus «Die Sonette an Orpheus» von Rainer Maria Rilke. Aber diesem lockenden, rauschhaften Gesang zu folgen, ist gefahrvoll, denn er fordert den Menschen heraus. Er zöge ihm den Teppich seiner selbst unter den Füssen weg, denn die Realitätsbewältigung verlangt nach Unterdrückung des Ichs, nach «realitätsgerechtem Triebverzicht». Schon Homer erinnerte daran in Form einer Konstellation: Um sich vor der Verlockung der Sirenen zu schützen, lässt sich Odysseus an den Mast binden, um dem Gesang zu lauschen, während seine Mannschaft mit Wachs in den Ohren rudert. Und in Kafkas Adaption fahren die Sirenen eine noch schrecklichere Waffe als den Gesang, nämlich ihr Schweigen, auf. Selbstbehauptung war vielleicht schon immer in der Geschichte des Menschen Selbstverleugnung und Unterdrückung. Auch davon darf der Gesang, die Lyrik nicht singen. Von Homer zu Heinrich Heine ist es so eine Wachsspur, auch letzterer wird gern mit tauben Ohren gelesen: «Ein neues Lied, ein besseres Lied, / O Freunde, will ich euch dichten! / Wir wollen hier auf Erden schon / Das Himmelreich errichten.» Heines Gesang wurde bekanntlich mit Exil abgestraft. Die Nervosität, mit der lyrisch sprachlicher Überschuss, Pathos und Utopie geahndet wird, führt ins Herz der Daseinslogik. Eine Sprache, die noch «ozeanisches Gefühl» transportierte, wie es Romain Rolland Sigmund Freud entgegenhielt, muss vom asketischen «Realitätsprinzip» geahndet werden. Was Freud das «Unbehagen in der Kultur» nannte, rührt daher und bestimmt das Verhältnis auch zur Lyrik. Das Vorurteil gegenüber der Dichtung, nach welchem es nur wissenschaftliche Welterschliessung geben darf – Heidegger münzte darauf den Satz «Die Wissenschaft denkt nicht» –, macht blind. So antiquiert die in der Romantik gefeierte Rolle des Dichters als Seher und Genie ist, sie erinnert uns doch daran, dass es im Vergleich zu heute noch Vorstellungen von Zusammenhang jenseits unserer Ratlosigkeit gab.

Virginia Woolfs Frage «Sagt, leiden die Wörter?» ist für die heutige Lyrik der Horizont. Die Möglichkeiten, in der Sprache zu atmen, haben abgenommen, die Sprache müsse spröder und härter werden, sagt man, um die Welt zu beschreiben. Von dieser Welt in blumiger Sprache zu dichten, ist angesichts ihrer Beschädigung lächerlich, aber immerhin, diese Situation könnte aufhorchen lassen. Dass ein Teil des lyrischen Erbes nur noch mit Ironie zu lesen ist, wird nicht registriert. Der Satz «Unsere Welt ist halt eine andere!» ist apologetisch. In der Tat, der Wortschatz klassischer Lyrik hat einen anachronistischen Beigeschmack und vieles geht in der deutschen Sprache nach dem Faschismus tatsächlich nicht mehr. Das fängt im Unterschied zur französischen Sprache schon beim Wort «Poet» an. Die Sprache im technischen Zeitalter verträgt kaum Pathos. Als Paul Celan vor der Gruppe 47 mit meditativer Stimme aus seiner «Todesfuge» las, stiess er auf die Reserve von Prosaautoren. Celan schrieb daraufhin: «Diese Stimme muss angefochten werden, damit die Ohren der Zeitungsleser keine Erinnerung an sie behielten. Jene also, die die Poesie nicht mögen – sie waren in der Mehrzahl –, lehnten sich auf.» Der Satz, dass die Stimme angefochten werden muss, hat seine Bedeutung nicht nur ad personam, sondern auch für die Konjunktur des Gedichtes. So unhintergehbar «Auschwitz» für die Lyrik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist, sie gerät nach Celan bereits mit den modernen «Ohren der Zeitungsleser» in die Krise.

Adornos Diktum «Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch» war dem Dichter der «Todesfuge» nicht geheuer, wohl aber Adornos späte Einsicht in seinem Werk «Negative Dialektik»: «Das perennierende Leiden hat so viel Recht auf Ausdruck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Auschwitz liesse sich kein Gedicht mehr schreiben.» Der apodiktische, erste Satz Adornos war falsch. Er bestätigt das Vorurteil, dass Lyrik nur über ein feierliches Register verfüge und nur die Schönheit im Auge habe. Barbarisch aber ist das Gedicht nach Auschwitz nur, solang es genau dies tut. Brecht sah es besser: «In den finsteren Zeiten / Wird da auch gesungen werden? / Da wird auch gesungen werden. / Von den finsteren Zeiten.»

Die Vorbehalte gegenüber zeitgenössischer Lyrik speisen sich also aus alten Vorstellungen, und Adorno hatte nur die Klassik vor Augen. Mehr noch als Prosa hat aber die zeitgenössische Dichtung ihre geschichtliche Lektion verarbeitet. Sie ist immuner gegen die Verführungen des Literaturbetriebs. Weil sie marginalisiert ist, ist der Druck, in alte Muster des Dichtens zu fallen, gering, im Gegensatz zum kulturindustriellen Roman und seiner Erzählform, die oft so daherkommt, als wäre unsere Welt eine barocke Idylle, die sich munter erzählen liesse und nicht fraktal, was neue Formen der Prosa mit sich bringen müsste.

Der frühe Heidegger glaubte noch an den Satz «Dichterisch wohnet der Mensch», weil bei ihm die Welt noch bäurisch und daher überschaubar und dichterisch erschliessbar war. Mit der technischen Welt ist aber diese Erschliessung herausgefordert, und genau da wird die Frage Hölderlins «Wozu Dichter in dürftigen Zeiten?» wieder aktuell. Nach Hegels Kanzel hat «die Poesie das Recht, nach innen fast bis zur Verzweiflung und im Äusseren bis zur Hässlichkeit als solcher fortzugehen». Das ist eine gute Weisung für Lyrik angesichts der beschädigten Welt. Sie hat ihre eigene Erkenntnispraxis, in der Emotionen, Verstand und Vernunft sich zur Erkenntnis eigener Art verdichten. Sie kann auf ihre Art den Menschen in ästhetische «Mündigkeit» führen, indem sie ihm einen Mund gibt, der mit allen Sinnen spricht. Weil sie von dem, was ist, betroffen ist, trifft sie auch. Die Feststellung Brechts, «Dass etwas fehlt» in unserem Leben, ist ihre Ausgangslage. Der Mensch, der zusehends überflüssig wird, erhält in der zeitgenössischen Lyrik eine Stimme. Lyrik ist «Promesse du bonheur», doch nur durch die Negativität hindurch, indem sie der Welt den Spiegel vorhält und kein Arka-dien ausmalt. Lyrik ist der Wind, der sich noch um Zusammenhänge bemüht unter einem Regen aus Steinen. Aber sie weiss, dass an die Stelle des «Ganzen» die Exterritorialität des Menschen zur Welt getreten ist. Der Mensch hinkt nach Günther Anders nicht nur mit seiner Vorstellung, sondern auch mit seiner Sprache der Technik nach. In «Sprache und Endzeit» schreibt er angesichts der technischen «Werke», die wir zur Sprache bringen müssen, dass «wir, wenn uns das nicht gelingt, verloren sein könnten».

Die Lyrik von heute ist herausgefordert. Gelingt es uns nicht, unsere selbsterschaffene Welt auf der Höhe ihres Seins zu beschreiben, wird der Mensch ganz sprachlos und verloren sein. Dann wird die Lyrik, wie es der Dichter Jean-Michel Maulpoix in «Adieux au poème» schrieb, vielleicht nur noch dies sein: «Le minuscule tombeau, certes, de l’ame» – das ganz kleine Grab, gewiss, der Seele.