Schriftsteller mit Botschaft

Zwischen künstlerischer Freiheit und behördlicher Zensur schrieb und schreibt eine wenig beachtete Sorte Autoren: Schriftstellerdiplomaten.

Diplomatie ist mehr als die Wahrung strategischer und wirtschaftlicher Interessen. Ebenso repräsentiert sie Kultur und Werte eines Landes. Und es gibt einen kulturell relevanten, wenn auch nicht offiziell berücksichtigten Aspekt der internationalen Beziehungen: Diplomaten, die auch als Schriftsteller in Erscheinung treten. Diese zwei Funktionen sind zwar voneinander getrennt, doch sobald die kulturelle Aussenwirkung eines Landes institutionalisiert wird, öffnen sich den Schriftstellerdiplomaten Wege.

Einerseits ähneln sich Diplomatie und Schriftstellerei bezüglich der Wichtigkeit redaktioneller Arbeitsabläufe. Andererseits stehen sich die Begriffe diametral gegenüber – und zwar hinsichtlich der eingeforderten Loyalitäten: Loyalität gegenüber dem Staat für den Diplomaten, gegenüber sich selbst für den Schriftsteller1. Kulturelle Diplomatie erscheint als Kompromiss zwischen beiden Haltungen.

Seit 1848, als der Bundesstaat gegründet wurde, wurde eine schlanke Diplomatie bevorzugt. Die liberalen Gründerväter setzten auf Diskretion und Bescheidenheit: 1914 hatte die Eidgenossenschaft gerade mal elf diplomatische Vertretungen. Bis zum Ersten Weltkrieg entwickelte sich dieses Netz primär, indem es wirtschaftlichen Verbindungen folgte. Nach 1918 aber fand ein starkes Wachstum dieses Netzes statt. Dies besonders unter Bundesrat Giuseppe Motta, der von 1920 bis 1940 das Politische Departement (entspricht dem heutigen EDA) leitete. Bis 1939 erhöhte sich die Zahl der Gesandtschaften von 11 auf 25, zu ihnen kamen 121 Konsulatsposten hinzu, zumeist geleitet von Honorarkonsuln. Wie steht es nun um die Literatur in diesem System?

Bis zum Zweiten Weltkrieg war der Grossteil der Diplomaten Juristen. Wie der Essay des ehemaligen Botschafters Jacques Rial2 zeigt, haben schweizerische Diplomaten seit jeher juristische und wirtschaftliche Abhandlungen verfasst. Daneben gab es sehr wohl auch Diplomaten, die literarische Werke veröffentlichten. Man denke an die Sonette von Camille Gorgé, der Diplomat war beim Völkerbund, oder an die historischen Erzählungen eines Frédéric Barbey, Gesandter in Brüssel zwischen den Kriegen3. Doch die Funktionen des Schriftstellers und des Diplomaten wurden strikt getrennt: diese Persönlichkeiten traten weder als Schriftsteller unter Diplomaten noch als Diplomaten unter Schriftstellern an die Öffentlichkeit. Davon legen die 1939 publizierten «Souvenirs littéraires» des Freiburgers René de Weck (1887–1950) Zeugnis ab4. Mit 52 Jahren schlug Diplomat de Weck auch einen literarischen Weg ein, erwähnte dabei aber so gut wie nie seine diplomatische Karriere. Dies, obschon er während des Ersten Weltkrieges in der schweizerischen Gesandtschaft in London gearbeitet hatte und nach 1933 Gesandter in Bukarest war. Doch bis 1939 gab es kaum Persönlichkeiten, in deren Wirken sich Diplomatie und Literatur befruchtet hätten. Erst der Zweite Weltkrieg und die beginnende Kulturdiplomatie änderten das.

 

Einfluss des Zweiten Weltkriegs

Der Zweite Weltkrieg begünstigte eine Art von kultureller Diplomatie, die dem Auftreten der Figur des Schriftstellerdiplomaten zuträglich war. Diese Evolution verlief in mehreren Etappen. Erstens entwickelten sich in den 1930er Jahren völlig neue Mittel der Propaganda. Das hatte direkten Einfluss auf die Schweiz: 1938 schlug der Bundesrat ein neues Programm der Kulturpolitik vor, mit dem Ziel, den «esprit suisse» im Ausland zu verteidigen. Diese Entscheidung führte zur Gründung der Pro Helvetia. Auch wurden von diesem Zeitpunkt an die wichtigsten diplomatischen Vertretungen mit einer neuen Kategorie von Angestellten, den Presseattachés, versehen. In London, Berlin und Rom studierten sie die lokale Presse und informierten die Zentrale über die öffentliche Meinung bezüglich der Schweiz in ausländischen Medien und in den wichtigsten gesellschaftlichen Zirkeln.

Nach dem Zweiten Weltkrieg führten die zahlreichen Kritiken an der Schweizer Haltung gegenüber dem Deutschen Reich dazu, dass sich die Eidgenossenschaft in Sachen Neutralität und humanitäre Politik erneut erklärte. Die Behörden beauftragten Diplomaten, Experten und Journalisten mit Studien zur Neutralität und zur schweizerischen Geschichte. Diese Auftragswerke wurden rasch ins Englische übersetzt5. Das politische Departement und die Stiftung Pro Helvetia betrauten Herbert Lüthy – einen 26jährigen Journalisten und Historiker – damit, sich einen Überblick über die damals existierenden Modelle kultureller Diplomatie zu verschaffen6. Diese…

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