Brief aus dem Tessin (tre)

In den letzten Monaten folgten in der Tessiner Verlagswelt mehrere interessante Neuigkeiten aufeinander. Zuallererst möchte ich auf die Entstehung einer neuen Verlagskooperation hinweisen, die unter dem Titel «ADV-Alla Chiara Fonte» auch gleich mit einem ersten Roman aufwartet: «La mappa per Pétur» von Fabio Contestabile. Es ist der geglückte Versuch, eine zwischen Spiel und Schule verlebte […]

In den letzten Monaten folgten in der Tessiner Verlagswelt mehrere interessante Neuigkeiten aufeinander. Zuallererst möchte ich auf die Entstehung einer neuen Verlagskooperation hinweisen, die unter dem Titel «ADV-Alla Chiara Fonte» auch gleich mit einem ersten Roman aufwartet: «La mappa per Pétur» von Fabio Contestabile. Es ist der geglückte Versuch, eine zwischen Spiel und Schule verlebte Kindheit im Tessin der Sechzigerjahre zu rekonstruieren. Die Vergegenwärtigung von Orten, Personen und Momenten über eine reizvolle (an Proust gemahnende) Erinnerungsarbeit wird am Schluss zu einem Instrument mit dem alleinigen Zweck, mit dem Erzähler vertraut zu werden: ein enzyklopädisches, wohldurchdachtes, an Sprachgeschichtlichem und Literarischem reiches Werk, das einen kultivierten und leidenschaftlich am geschriebenen Wort interessierten Autor verrät. Und ein wunderbarer (Neu-)Anfang für einen Verlag, von dem wir bestimmt noch hören werden.

Eine andere bemerkenswerte Publikation ist «Nuovi giorni di polvere» (Casagrande) von Yari Bernasconi, einem jungen Tessiner Lyriker, Jahrgang 1982. Im Mittelpunkt des Buchs steht dem Autor zufolge die Wirklichkeit: Es ist eine akribische, stellenweise erdrückende, trostlose Beschreibung dessen, woraus sich das Wirkliche zusammensetzt. Auf einige Bilder Franco Fortinis und Fabio Pusterlas Bezug nehmend, beschäftigt sich Yari Bernasconi mit den Rändern, er zieht und definiert die Grenzlinie zwischen der Gesellschaft an der Oberfläche, der gutbürgerlichen Gesellschaft, und der vergessenen Unterwelt. Es finden sich zerstörte Kleinstädte, verlassene Gegenstände, Schutt, Asche, die Überreste einer apokalyptischen Zivilisation – vielleicht ein Abbild dessen, was unser Schicksal sein wird oder vielleicht schon ist. «Das Wasser, das den Fluss hinabfliesst, hat sich seine Zukunft schon genommen. / Ich schreibe dir von hier, wo man dann entschwindet. / Verzeih mir, dass ich nicht in jenen fortdauernden Raum zurückkehren werde.»