Buridans Esel auf dem Zauberberg

Jeder neuen Generation öffnet sich, an der Schwelle des Erwachsenseins angekommen, ein wildes, weites Land. Das da heisst: Zukunft. Alles, was es braucht, sind ein paar kraftvolle, mutige Schritte hinein. Der Rest ergibt sich beinahe von selbst.

Neue Generationen erobern das Land, weil die Alten gewöhnlich bald loslassen, müde vom Kampf ums abgelebte Dasein. Und wenn die Alten nicht loslassen? Oder wenn es an Mut und Ideen gebricht? Beides ist derzeit zu besichtigen. Eine Generation zwischen 25 und 40 Jahren starrt wie gelähmt auf sich selbst und vermag sich nicht zu entscheiden, ob sie überhaupt und, wenn ja, in welcher Dosie­­-rung sich den Gefährdungen aussetzen soll, die unweigerlich aufwarten, wenn man aus dem Schatten der Alten tritt und das eigene Ich positioniert. Und die Alten selbst? Klammern sich an ihren Kindern und Kindeskindern und am Bestehenden fest wie ein Ertrinkender an der Gurgel des herbeigeschwommenen Retters.

Ob mit oder ohne finalen Gongschlag im Rahmen der europäischen Finanz- und Schuldenkrise: In naher Zukunft wird vieles nicht mehr sein wie gewohnt oder wie versprochen. Die globalen Verhältnisse sind mächtig ins Treiben gekommen und erfordern völlig neue Orientierung. Eben noch gültige Lebensentwürfe müssen davor meistenteils kapitulieren – sechzig Jahre in Frieden und Wohlstand haben die Parameter gründlich aufgebraucht, mit denen man einst daran ging, die in zwei Weltkriegen zertrümmerte Welt neu zu errichten. Wie erfolgreich man damit grundsätzlich war, zeigt der Blick in die gelassenen, gesunden Gesichter der Jungen. Beste Ernährung, eine sorglose Kindheit und Jugend und das Gefühl des Rundum-versorgt-Seins haben bei der Mehrzahl der Jungen, sogar in fortgeschrittenen Jahren, kaum Spuren hinterlassen. Nur die oft staunend grossen Augen verraten, dass hier nicht alles mit rechten Dingen zugeht.

Eigentlich geht gar nichts mit rechten Dingen zu. In schriller Dissonanz zu wahrhaftigem Leben haben die Alten sich ewige Jugend verordnet und den Jungen jedes modische Accessoire gestohlen, haben sich der eigenen Eltern entledigt und sie via Pflegeversicherung finanziell den Jungen aufgebürdet, haben die Jungen, statt sie zu fordern, wie Äffchen mit Wohlstand ausstaffiert und ihnen die Wahrung der Verhältnisse zur Pflicht erhoben, haben ihnen nebenbei eine gigantische Rentenlast angehängt und sie vor allem anderen in geradezu orgiastischer Überhöhung zum Träger all ihrer platten Ängste gemacht: vor dem Alter, vor der Umwelt, vor der Armut. Damit nicht auffällt, wie machtgierig die Verlustangst – denn um nichts anderes handelt es sich – zugleich ist, haben die Alten sie wissenschaftlich verbrämt. Experten jeglicher Couleur geistern mit furchterregenden, scheinbar bewiesenen Botschaften durch die Medien, um den Jungen den letzten Rest an Mut und Lust auf eigene Zukunft auszutreiben.

Hier stehen sie nun, die Jungen. Zögerlich, ratlos, gestresst. Denn zu allem Überfluss am wuchernden Besitzanspruch haben die Alten ihre vor Wohlstand überfliessende Welt auch noch zum Hort vermeintlicher Selbstverwirklichung gemacht. Was sie ihnen vorleben, hat jedenfalls ein solches Mass an Selbstbespiegelung erreicht, ist derart entleert von Sinn, Zweck und Unmittelbarkeit, dass die Welt zu einer Art Spiel geworden zu sein scheint. Feierabends, an den Wochenenden, den Feiertagen und im Urlaub – zusammengezählt eine gigantische Zeitspanne – erproben die vitalen Alten sich in Simulationen von Abenteuern, Künstlertum, Erotik, Esoterik und politischem Aktivismus. Selten kommt es darauf an, dass irgendwo ein belastbares Ziel ins Auge gefasst würde; meist geht es darum, dass es danach nur aussieht, dass man «bella figura» macht, dass man im simulierten Erleben risikofrei maximale Erregung erfährt und «sich irgendwie selbst findet».

Die Jungen glauben nun angesichts der Totalität der simulierten Bilder, die sich längst auch tief in die Arbeitswelt hinein erstreckt, dass sie ihre Zukunft nicht mehr selbstbestimmend in die Hand nehmen können. Denn der Zusammenhang zwischen Tun und Bewirken erscheint weitgehend aufgelöst. Was man dennoch tut, hat offenbar eher symbolischen denn realen Wert – was den Begriff von eigener Zukunft seitens der Jungen endgültig verwischt und sie ihrer eigentlichen Antriebskraft beraubt. Voller Zweifel blicken sie ins simulierte Getümmel der Welt, die ihnen suggeriert, dass sie bei jedem Schritt ins eigene Leben sich zugleich selbst therapieren müssen. Genaugenommen gibt es das eigene Leben im simulierten Kontext gar nicht mehr: Teil eines therapeutischen Spiels zu sein, bedeutet, sich den Spielregeln streng zu unterwerfen.

Und genau das haben die Jungen getan; man hat sie auf scheinbar wohlmeinende Weise genötigt, ihr Ich an der Garderobe der Alten abzugeben. Unendlich viele Wege stehen ihnen offen, dem Spiel der Alten zu entsprechen, keiner führt in eine wirklich eigene Zukunft. Woran auch die vielen gelernten Sprachen, all die Praktika und Zusatzausbildungen nichts zu ändern vermögen; sie verstärken die Wahlmöglichkeiten noch und verstärken, solange der simulierte Kontext jeden Schritt in die Zukunft zu einem neuerlichen Casting-Showdown macht, die Ungewissheit und den Stress, der für sie darin liegt, jung zu sein und leben zu wollen. Stress ist auf diese Weise zu einer der wenigen authentischen Erlebnissphären der Jungen geworden – darum halten sie daran, wenn auch unterbewusst, fest. Die Welt der Alten, lückenlos durchorganisiert und auf Hochglanz poliert, bietet sonst wenige Schlupflöcher. Stressgefühle bis hin zum Burn-out sind bei den Alten verpönt, nicht anders als Komasaufen und Antriebslosigkeit. Die Jungen geraten jedoch, indem sie die Alten wenigstens hier konter-karieren, noch mehr ins eigene Abseits und gemahnen in ihrer verkopften Zögerlichkeit und wohlstandsgenährten Ratlosigkeit an Buridans Esel, der sich im mittelalterlichen philosophischen Gleichnis nicht zwischen zwei gleich grossen Heuhaufen zu entscheiden vermochte – und darüber verhungerte.

Die Jungen erinnern auch an jene friedensverwöhnte, gelangweilte Generation, die im Ersten Weltkrieg endlich den Sinn des Lebens entdeckte – und darin verbrannte. Im «Zauberberg» von Thomas Mann ist ihnen in Hans Castorp ein Denkmal gesetzt, in Gestalt des blässlichen, zweiflerischen, sinnsuchenden Bürgersohns, der zur humanistischen Überhöhung neigt, aber nie zu eigenem Sein und Tun findet. Stil und Geschmack, Kultur und Geist sind den Jungen heute tatsächlich nicht abzusprechen. Woran es fehlt, ist der Wille, die Welt der Alten aufzubrechen und mit neuem Sinn auszustatten, daraus neue Aufgaben und Ideen abzuleiten und sie umzusetzen. Und das ist schwer, gewiss! Ist doch seit über 40 Jahren alles lähmend im Fluss, in wechselhaften Bildern unangreifbar immer dasselbe und moralisch anscheinend so glanzvoll hinterlegt, dass ein Anknüpfungspunkt für wirklich Neues fehlt. Ein kleiner Hinweis: Die Chance auf Neues liegt meist sehr nah bei dem, was uns besonders quält und umtreibt. Neue Generationen, nehmt daher an, was euch an euch am meisten missfällt! Und wendet euer heute noch Unsicherheit bescherendes hohes Denkpotential und die scheinbare Kopflastigkeit dem zu, was euch demnächst erwartet – der kompletten Neuordnung einer final gealterten Welt. Die Ideen dazu werden von allein geboren, wenn es erst so weit ist. Was ihr braucht, sie zu verwirklichen, sind entwickeltes Denken und Stresserfahrung!

Hoher Leichtsinn am Ende langer Phasen des Wohlstands hat uns wieder einmal an den Rand der Existenz gebracht. Die Alten meinen indes, es sich leisten zu können, die Kapelle auf der «Titanic» der europäischen Schuldenkrise einfach weiterspielen zu lassen. Die Jungen dagegen müssen achtgeben, dass sie im drohenden Strudel nicht mit hinuntergezogen werden. Ihnen obliegt die Aufgabe, sich darauf vorzubereiten, neues Land zu entdecken.