Das Joni-Prinzip

Joni Mitchell hat ihre Stimme längst zerstört – macht aber nichts. Was sie von Nietzsche gelernt hat und was Schriftsteller von Songwritern noch lernen können.

«Es gibt im wesentlichen keinen Unterschied zwischen Songwritern und Schriftstellern», meinte Judith Holofernes zu mir. Ich traf die Songwriterin und ehemalige Frontfrau der Band «Wir sind Helden», um mit ihr über Joni Mitchell zu reden. Anlass war der 75. Geburtstag der kanadischen Künstlerin im November 2018 – und ein Feature über sie, das ich für Deutschlandfunk Kultur vorbereitete. Die These von Judith Holofernes ging mir nicht aus dem Kopf. Sie provozierte mich. Konnte es tatsächlich sein, dass Joni Mitchells Songtexte gleichbedeutend waren mit literarischen Texten? Ich hielt Songwriter immer noch für etwas halbseidene Gestalten, eher einem Massenpublikum als der literarischen Muse verpflichtet, der ich, ganz auf die Magie des autonomen Wortes setzend, doch folgte. Verstand Judith Holofernes meine Vorbehalte? Was war denn für sie das Charakteristische dieser Songtexte?

«Sehr mühelos» wirkten Mitchells Texte, erwiderte Holofernes. «Es gibt Songwriter, denen man ihre Arbeit immer etwas anmerkt. Bei Joni Mitchell hat das aber stets so eine ganz grossartige Leichtigkeit. Wenn man die Texte dann geschrieben sieht, wird einem erst klar, wie gefeilt und absichtsvoll die sind. Sie haben einen unglaublichen Flow, sind rhythmisch ungewöhnlich gesetzt. Doch sie gehen immer auf, und sie sind dabei auch noch ziemlich elegant.» Es müsse also viel Mühe in diesen Texten stecken, ergänzte sie, aber diese Mühe sei absolut unsichtbar. «Genau wie in ihrer Stimme, diesem Gleiten über die Oktaven, keine Mühe hörbar ist.» Flow, Originalität, Rhythmus, Mühelosigkeit: Kriterien, die man auf Gedichte, ja auf Literatur insgesamt genauso anwenden kann. Mir wurde immer klarer, dass – und warum! – die Songwriter-Komponierstube von Joni Mitchell tatsächlich die Werkstatt einer anspruchsvollen Schriftstellerin ist. Es blieb die Preisfrage: «Wie macht sie das?»

Mitchells Werkstatt

Im Kanada der 1950er Jahre hatte Joni Mitchell als Schülerin einst einen Kurs für kreatives Schreiben besucht. Und ihr Lehrer dort, Arthur Kratzman, hatte ihr einen wichtigen Tip gegeben, den sie fortan beherzigte – so wichtig, dass sie Kratzman später ihr erstes Album widmete: Alle Stellen mit Klischees solle sie in ihren Texten rot einkreisen und durch etwas Originelles ersetzen. Originell, entdeckte Mitchell bald für sich, ist vor allem selbst Erlebtes. Bereits in einem Gespräch mit der Songwriterin Malka Marom aus den 1970er Jahren, das 2014 als Buch veröffentlicht wurde1, scheint diese Haltung als Songwriterin durch: «Findest du es einfacher, Fiktionen zu schreiben, als autobiografische Texte?», fragte Marom. Mitchell antwortete: «So habe ich angefangen. Alles, was ich als Erstes geschrieben habe, waren Fiktionen. Heute kann ich nichts Erfundenes mehr schreiben. Ich habe mich absichtlich um diese Fähigkeit gebracht.» –  «Warum?» – «Weil ich irgendwann eine Realistin sein wollte. Ich wollte einfach nur noch Songtexte schreiben, die von einer persönlichen Erfahrung ausgehen. Darüber habe ich einmal auch mit Bob Dylan gesprochen, und er bestätigte mir, dass er ebenfalls sehr genau darauf achtet, nicht über Dinge zu schreiben, die er nicht persönlich erlebt hat.» Das autobiografische Schreiben ist für Joni Mitchell kein Selbstzweck, schon gar kein Anlass, auf die Tränendrüse zu drücken, sondern der einzig mögliche Weg, um nicht belanglos oder klischeebehaftet…

Charlotte Brontë und das Nichts
Stefan Bachmann, fotografiert von Maurice Haas / Diogenes Verlag.
Charlotte Brontë und das Nichts

Sein Debüt wurde in den USA ein Riesenerfolg, da war er gerade 20 Jahre alt. Weniger bekannt ist: Fantasy-Autor Stefan Bachmann ist auch ausgebildeter Musiker. Aber wie kommt jemand überhaupt auf die Idee, zu schreiben oder Musik zu machen?

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»