Die Erfindung der Kleinfamilie

Als Jurassien habe ich einen Dichter und einen Sänger. Der Dichter des Juras ist Jean Cuttat (1916–1992). Er gründet 1942 in Porrentruy den Verlag Portes de France und publiziert die Texte der Verfemten und die Stimmen der Résistance. In einem seiner Gedichte, dem «Chanson de l’homme», heisst es dem Sinn nach: «Sieh, ich bin der […]

Als Jurassien habe ich einen Dichter und einen Sänger. Der Dichter des Juras ist Jean Cuttat (1916–1992). Er gründet 1942 in Porrentruy den Verlag Portes de France und publiziert die Texte der Verfemten und die Stimmen der Résistance. In einem seiner Gedichte, dem «Chanson de l’homme», heisst es dem Sinn nach: «Sieh, ich bin der Mensch auf seinem Gleis – losgeschickt mit seiner Gattung ohne Ziel – ich höre den Tod, der mich verfolgt – ich lebe, und Leben ist meine Arbeit – Brüder, welche Brücken, welche Brücken auswerfen – über unsere Abgrundwüsten – sehr weit weg die ewigen Throne – sehr weit weg der Schnee und das Licht – hier nur die immer grausamen Winde, die aufwirbeln unseren Staub.»

«Ich lebe und Leben ist meine Arbeit», Worte, die mir die Tränen in die Augen treiben. Jean Cuttat gehörte zur Generation meines Vaters, mein Leben hingegen ist und war nie Arbeit – es war von Anfang an nichts als Zeitvertreib.Der Sänger Vincent Vallat – Jahrgang 1964 und aus Saignelégier – besingt den grossen Himmel über den Freibergen und dass die Leute dort noch immer mit den Augen von Matrosen auf das längst untergegangene Meer hinausblicken. Er singt von den Weiden, in denen die weissen Kalksteinbrocken aus der Ferne Segel sind und aus der Nähe Skelettreste und beides uns immer an die Abschiede und an die Tode erinnern wird.

Von den Franche-Montagnes wird gesagt, die Leute hätten dort acht Monate Winter und während der restlichen vier müssten sie für die Steuern arbeiten.
Das wird auch in La Chaux-de-Fonds behauptet, wahr ist es womöglich in La Brévine – und da an Weihnachten die Kleinfamilie erfunden wurde, wird auch dieses Jahr ein junges Paar mit seinem Kind in der Auberge «Le Loup Blanc» über die Festtage ein Zimmer nehmen, um eine weisse Weihnacht zu erleben. Nun, diese Kolumne wäre nicht diese Kolumne, hätte das junge Paar nicht ein paar trucs, machins, choses dabei, nämlich das Schneeraupenvelo von André Vachoux (Paris, 1983), das sie mit dem Kinderwagen mit Schneekufen von Matthias Boysen (1994, Lübeck) kombinieren wollen, sowie den Spike-Kinderwagen von Melissa Stewart aus dem schottischen Aberdeen (2005), den auszuprobieren sie bis dahin nicht Gelegenheit gehabt haben würden.