Die unheimliche Nähe des fernen Krieges

Robert Walser und der Erste Weltkrieg

Robert Walser teilte nicht das Schicksal vieler deutscher Kollegen seiner Generation, die den Krieg erst euphorisch ersehnten und dann – konfrontiert mit der Realität – apokalyptisch verdammten. Schliesslich war Walser, der 1913 aus Berlin in die Schweiz zurückkehrte, auch nur indirekt am Kriegsgeschehen beteiligt. Erleichtert, verschont geblieben zu sein, wünscht er sich immer wieder das Ende eines Krieges herbei, der nur Verlierer kenne. Als Füsilier im Landwehrbataillon 134/III hat Walser zwischen 1914 und 1918 immer wieder mehrere Wochen im Aktivdienst an der Schweizer Grenze verbracht – und von einem recht unbeschwerten Soldatenleben berichtet, das einen auffallenden Gegensatz zum Schützengrabenkrieg bildet. Der Dienst sei «mitunter etwas eintönig», es gebe aber immer wieder «kleine muntere Abwechslungen», ausserdem bleibe ihm genügend Zeit zum Lesen und Schreiben. Er zeichnet ein ambivalentes Bild: mal fasziniert ihn die Vorstellung einer Gleichheit unter Wehrpflichtigen, mal fürchtet er den Freiheitsverlust.

Gerade durch Walsers Distanzierungen erscheint der Krieg aber unheimlich nah. Besonders deutlich wird dies an der kurzen Utopie «Phantasieren», in der die Ungeheuerlichkeit des Krieges durch das Gegenbild einer egalitären Gesellschaft vor Augen geführt wird. Der Text wird 1915 in der ganz der Kriegsthematik gewidmeten Zeitschrift «Zeit-Echo» neben Max Brods Gedicht «Die Schlacht» veröffentlicht. Walser dankt der Redaktion der Zeitschrift, die er «Kriegs-Echo» nennt, dass sie «auch das Bekenntnis eines Weltentrückten oder Phantasten», das aber sehr wohl «in einer Beziehung steht zu den gegenwärtigen Ereignissen», aufgenommen habe. Tatsächlich entfaltet der Erste Weltkrieg in Walsers Werk seine Präsenz stets indirekt, scheint oft nur als Echo vernehmbar – und doch wird gerade dadurch deutlich, wie radikal er die Welt auf den Kopf gestellt hat.

«Wenn solche Dichter wie Walser zu den ‹führenden Geistern› gehören würden, so gäbe es keinen Krieg.» – Hermann Hesse über Robert Walser

Die Schweiz im Krieg

«Deutschland hat Russland den Krieg erklärt. – Nachmittag Schwimmschule.» Das lakonische Notat vom 2. August 1914 steht nicht in einem Schulgemeindeprotokoll, sondern im Tagebuch eines der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Mit zwei Sätzen, scheint es, handelt Franz Kafka das Weltereignis ab und taucht ins Privatleben ein. Hat die Schweizer Literatur mehr zum Krieg zu […]

Ein einig Volk von Kriegern?
Diebold Schilling: Schlacht von Sempach, in: Amtliche Berner Chronik, Band 1, S. 236 / Burgerbibliothek Bern – Signatur: Mss.h.h.I.1, S. 236.
Ein einig Volk von Kriegern?

Als Wink Gottes deutete Bullinger die eidgenössischen Schlachtsiege, und Lavater besang die heldenhaften Schweizer Kämpfer in pathetischen Liedern: Seit dem Mit-telalter prägt das Reden, Schreiben und Singen vom Krieg das helvetische Selbstbild – Anklänge daran sind bis heute zu vernehmen.

Kriegsbegeisterung und Grenzkoller
Beobachtungsposten im Wald mit Feldtelefon, photographiert von Edouard Senne / Schweizerisches Bundesarchiv, CH-BAR#E27#1000/721#14093#935* / CC-BY-SA 3.0/CH
Kriegsbegeisterung und Grenzkoller

Zwischen 1914 und 1976 haben sich hiesige Autoren auf vielfältige Weise mit dem erhofften, durchlebten, stilisierten oder verdammten Krieg auseinandergesetzt. Ein Spaziergang durch Kriegstexte aus helvetischen Federn.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»