«Es darf ruhig wieder um etwas gehen»

Ein Gespräch über die Schweizer Literatur, ihre Entstehungsbedingungen und ihre Kritik.

 

Philipp, Christoph, ihr seid beide aus Deutschland nach Zürich gekommen. Hatte das eigentlich irgendwas mit der Schweizer Literatur zu tun?

Philipp Theisohn (PT): Bei mir auf jeden Fall. Ich kam 1997 das erste Mal mit einem Stipendium nach Zürich, im Rahmen meiner Magisterarbeit über Carl Spitteler. Dass ich dann wiedergekommen bin, hatte mit Zufall zu tun, aber der literarische Bezug war schon da: In meiner Familie wurde viel Gotthelf gelesen, für mich bis heute ein wichtiger Autor. Normalerweise lesen die Deutschen meiner Generation ja maximal Frisch oder Dürrenmatt, bei mir war es das 19. Jahrhundert: neben Gotthelf vor allem Meyer und – wichtig – Johanna Spyri.
Christoph Steier (CS): Büchern hinterherzuziehen hätte mich biografisch wohl überfordert. Aber zu meinen frühen, prägenden Leseerfahrungen gehörten etliche Schweizer Bücher: Ulrich Bräkers «Der arme Mann im Tockenburg», ein Buch, das ich noch immer gerne empfehle. Dann auch Friedrich Glauser, den ich jemandem wie Dürrenmatt immer vorgezogen habe, Annemarie Schwarzenbach, Fleur Jaeggy oder Lore Bergers «Der barmherzige Hügel» – das ist für mich ein dringendes Schweiz-Buch geblieben.

Wer sind denn heute die dringenden Akteure – und was zeichnet sie aus?

PT: In der jüngeren Generation sind es wohl vor allem die Frauen. Und zwar weniger die lauten als die leisen. Antoinette Rychner, Dorothee Elmiger, Martina Clavadetscher. Noëlle Revaz ist auch noch cool. Ansonsten ist das Markenzeichen der Schweizer Literatur das kurze Buch. 130 Seiten, egal, «Roman» draufschreiben, fertig. Was ich gar nicht mal so schlecht finde. Da ist dann auch viel Verspieltes, Experimentelles dabei, was in Deutschland nie gedruckt würde.
CS: Früher galt ja immer, man müsse früher oder später in Deutschland reüssieren, um im Spiel bleiben zu können. Aber selbst das reicht heute in den meisten Fällen nicht mehr. Das ist im Einzelfall hart, in der Breite aber vielleicht auch der Weg zu Neuem: Wenn niemand mehr schreibt in dieser vagen Hoffnung, das sei jetzt der Lotterieschein für das Leben an der Côte d’Azur, entstehen vielleicht Texte, die sich ganz von «Werkdruck» und Marktkonzessionen befreien. Dann erzählen die Leute vielleicht wirklich, was sie erzählen wollen.

Und was passiert mit den Verlagen?

CS: Auch hier wieder: Einzelfälle hart, Tendenz vielleicht dennoch heilsam. Kleine Auflagen, starke Aufmachung, Bücher als ästhetische Objekte, nicht als Zwischenstation auf dem Weg zum Dämmmaterial für Minergiehäuser. Und auch nicht die Chancen übersehen – vor der Digitalisierung konnten sich etwa kleinere Verlage immer erzählen: Wir haben die besseren Bücher, aber keinen Werbeetat, und deshalb werden wir nicht wahrgenommen. Das ist vorbei; Reichweite zu generieren, sich in Kontexte zu stellen ist heute leichter denn je.
PT: Ja, aber was heisst Reichweite? In der Schweiz gibt es eine sehr, sehr intensivierte Inszenierung von Relevanz. Der Betrieb ist klein, man schiebt sich gegenseitig die Posten zu, und dann sind die Leute noch in Personalunion auf Veranstalter- und Produzentenseite, inszenieren sich über Kreuz also fortwährend selber. Das heisst nicht, dass die Inszenierung weg muss. Verfehlt wäre es nur, daraus abzuleiten, der neue Roman von XY sei ein kulturelles Massenphänomen, weil man ihn im Schweizer Literaturbetrieb zur Kenntnis nimmt. Es bleibt in der Regel dann eben doch eine In-Group-Kommunikation.

War das denn mal anders? War Fritz Zorns «Mars» ein Massenphänomen?

CS: Die, über die wir sprechen können, sind meistens die Ausnahmen, die ex post als Regel erscheinen. Das Gros der Literatur ist ungelesen. Auch vieles, was im Kanon ist, war ungelesen und ist erst später auf den Thron gehievt worden. Auf diese verschobene Gegenwart des Literarischen müssen sich die jungen, netzaffinen Schreibenden vielleicht erst noch einstellen.

Wie können sie mit dieser Situation umgehen?

CS: Die Frage für die ganze Literatur bzw. vielmehr für den Literaturbetrieb wird sein, ob Massenproduktion überhaupt wünschenswert ist oder es nicht auch in Ordnung sein kann, wenn Literatur zunächst einmal als In-Group-Kommunikation, als Hausmusik funktioniert. Die «Sofalesungen» zum Beispiel sind für mich ein gelungener Versuch in diese Richtung. Literarisches Schreiben in der Breite darf auch verstanden werden als kulturelle Betätigung, die ein Eigenrecht hat auch jenseits von gesellschaftlicher Verbreitung, Botschaft und Verantwortung.

Braucht es dann auch keine Literaturkritik mehr? Die beschwört ja auch eine Relevanz ihres Gegenstands.

PT: Na ja, wir wollen natürlich schon skandalisieren und machen das auch, wo wir nur können.
CS: Kritik hat sich auch dezentralisiert. Ich begrüsse das. Wobei man leider – unter anderem mit dem Verlust eures Magazins – die Funktion des Kuratierens, des Auswählens, des Präsentierens, des lustvollen Aufeinanderprallenlassens von Büchern und Leuten, die schon ein paar davon kennen, mit dem Bade ausschüttet. Das wird Algorithmen und Bubbles überlassen.

Und als nächstes stirbt – jetzt doch – das Buch?

CS: Wer heute Buch sagt, meint meistens Roman, eine Gattung, die in der heute prominenten Form kaum zweihundert Jahre alt ist. Warum sollte ausgerechnet dieser Form das letzte Wort bleiben? Dazu der ideologische Ballast des Romans, der zum ideologischen Ballast der Literatur überhaupt geworden ist: Bücher sind nicht zwangsläufig Fenster zur Welt, sie sind ­genauso gut Gardinen und Jalousien gegen die Welt. Lesen, intensives, ist eine zutiefst asoziale Tätigkeit, im positiven Sinne. Lesen als Asocial Media wird wieder zurückkommen, wird gar nicht ganz verschwinden.
PT: Darin sehen wir auch unseren Auftrag: Asozialitätsförderung. Die interessanten Autoren der Schweiz sind im übrigen diejenigen, die genau das verstanden haben: dass Literatur ein asozialer Prozess ist. So zu tun, als ob gute Kunst völkerverbindend, aufklärerisch, humanistisch zu sein hat – das ist Verblendung.

Auch das «Aufklärerische» von Kritik?

PT: Bei uns steht Kritik immer unter der Überschrift «Vermittlung». Was natürlich «Sozialisierung von Kunsterfahrung» heisst. Die Überlegung wäre in der Tat, ob nicht gerade die Vorstellung, dass der Kritiker ein Vermittler ist, Vermittlung verhindert. Diese Geste von wegen «Ich bin der Hermeneutiker und bringe euch armen Gestalten die Botschaft aus dem Werk». Anstatt dass man sagt, wir nehmen das Teil auseinander und dann kommen die nächsten und nehmen uns auseinander. Der Schweiz – wohl aber nicht nur ihr – fehlt das momentan. Es gibt viel zu wenige agonale Konstellationen, weil einfach die Fronten ganz klar sind. Beziehungsweise: Es gibt gar keine Fronten mehr.
CS: Dieser Burgfrieden hilft niemandem. Kultureller Anstand kann nicht darin bestehen, dass man es Schriftstellern, nur weil sie es ja sowieso gesellschaftlich schon schwer haben, auf keinen Fall noch schwerer macht, indem man andeutet, dass irgendwas an dem neusten Meisterwerk vielleicht nicht ganz gelungen sein könnte. Das ist eine falsche Solidarität, die auch dazu beigetragen hat, dass eine solche «Kritik» als Produkt kaum mehr vermarktbar ist.
PT: Das trifft auch eine Geisteshaltung. Der postpolitische Zustand der Schweiz – Stichwort Konkordanzprinzip – färbt auch stark darauf ab, wie Kritik geübt wird an Werken, an Kultur. Wie hässlich Debatten sein dürfen, wie hart zugeschlagen werden darf, wie viel man einstecken kann. Das klingt jetzt sehr barbarisch. Aber die Vorstellung, dass alles, was nicht zum Schluss kommt: «das Buch ist trotzdem schon mal gut, weil es existiert», schon als Verriss bewertet werden muss, ist für das Kulturleben viel schädlicher als echter Vandalismus. Gleichgültigkeit kann die Literaturszene viel stärker treffen als Kürzungen, Schliessungen et cetera. Sie ist dann schlicht nicht mehr ­interessant.
CS: Das ist genauso an die Adresse der Kritik geschrieben. Es darf ruhig wieder um was gehen.
PT: Man muss sich die Frage stellen: Was sind die Bedingungen, unter denen Kultur produziert werden soll? Was steht zur Debatte? Welche Texte haben sich in die Matrix dieses Landes eingeschrieben, welche schreiben sie um? Wenn wir diese Fragen nicht beantworten wollen, weil doch alles irgendwie relevant sei und jeder Text wichtig, dann kommt gleich danach die nächste unangenehme Frage, nämlich warum wir überhaupt noch über Literatur diskutieren wollen. Wir gehen davon aus, dass die Diskurse, die wir führen, eine Rolle spielen. Wenn sie es nicht tun, können wir die Veranstaltung auch auflösen.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»