«Goethe hat nicht immer recht. Aber er stimmt immer.»

Seit vielen Jahrzehnten beschäftigt sich Adolf Muschg mit Goethe – literarisch und akademisch. Trotzdem ist er froh, noch immer nicht mit ihm fertig geworden zu sein. Ein Austausch.

Lieber Herr Muschg, wo verorten Sie Ihr Werk zwischen Geschichte und Geschichten, Fakten und Fiktionen?
Gibt es kulturelle Fakten per se? Geschichte ist nicht prinzipiell faktischer als ein literarischer Text: sie ist immer ein bestimmtes Bild der Tatsachen, das von mehr oder weniger gelehrten Erzählern – Historikern – geschaffen und von einer gesellschaftlichen Übereinkunft mehr oder weniger angenommen, approbiert wird. Eine neue Perspektive, ein verändertes Selbstverständnis, ein anderes Interesse dieser Gesellschaft, auch das ideologische Interesse einer anderen Elite, kann dieses Bild revidieren oder gar umstossen. Es gibt darum, beispielsweise, keine Schweizer Geschichte, allenfalls – wie in meiner Kindheit der «geistigen Landesverteidigung» – die normative Behauptung einer solchen, die von nachfolgenden Historikergenerationen wieder aufgelöst und ihrerseits «historisch» betrachtet wird. Die «wahre» Geschichte wäre die Metageschichte dieses fortgesetzten Prozesses. Aber da sie kein «Bild» mehr ergäbe, würde sie ihrerseits nicht zur «Geschichte» taugen – das heisst, einer identitätswirksamen Erzählung einer Gesellschaft über ihre Herkunft, ihre Zukunft – und vor allem natürlich: für das Verständnis ihrer Gegenwart.

Sie befassen sich seit vielen Jahren mit der historischen Figur Goethe – akademisch, literarisch. Was ist der Reiz einer solchen Vertiefung oder Aneignung? Was ändert sich über die Jahre, was bleibt?
Goethe ist für mich so etwas wie ein Protagonist der Individualität – und damit, nicht nur als grosser Dichter, das Gegenteil eines Privatmanns. «Privare» hat mit Verschluss der Talente, Beschränkung von Potenzialen auf ein Sonderinteresse zu tun. Goethes sprichwörtlicher Egoismus dagegen ist der Selbstschutz einer Person, die ihrer unbeschränkten Offenheit eine Grenze setzen muss, um ihre genialen Talente wirken zu lassen, statt sie und sich der Zerstreuung auszuliefern. Diese Grenzziehung kann etwas Willkürliches, sogar Reaktionäres haben, wenn man etwa Goethes Verhältnis zu Newtons Optik oder zur Französischen Revolution betrachtet. Mein persönliches Verhältnis zu Goethe ist dadurch bestimmt, dass ich in dieser Reaktion das Prophetische immer besser sehen lernte. Die Beschleunigung unserer Zivilisation zum Digitalen, Globalen und – im umfassenden Sinn – Stellenlosen hin ist eine einzige Bestätigung der Entwicklung, die er – etwa in «Faust II» – unheimlich genau vorausgesehen hat. Was ihn dazu befähigte, ist – untrennbar von seinem literarischen Genie – sein Primat der Individualität. Ein Satz wie: «Was ist das Allgemeine? der einzelne Fall», widerspricht radikal allen statistischen Verfahren, mit denen wir scheinbare Tatsachen – vom Wirtschaftswachstum bis zum Schul- und Krankenwesen – zu messen glauben und die die Menschen unterschlagen, aus denen diese Tatsachen wesentlich bestehen.

Wirkt diese Goethe-Auseinandersetzung auf alle Ebenen Ihrer Schriften gleich oder gibt es Unterschiede?
Ich fing, als junger Germanist, mit einer Goethe-Schelte im Radio an und habe ihm, in meiner Bearbeitung seiner «Aufgeregten», politisch heftig am Zeug geflickt: er war in der Tat nie ein Demokrat. Der Satz seines Freundes Schiller im «Demetrius» trifft’s genau: «Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen», oder: «Was ist die Mehrheit? Mehrheit ist der Unsinn, Verstand ist stets bei wen’gen nur gewesen.» Wer wollte es leugnen? Dennoch darf man es auch für herzlich falsch halten – und wäre es nur, weil man, nach Churchill, die…