Herr Mezger, haben Sie auch mal überlegt,
einen Krimi zu schreiben?

 

Die Idee ist bestechend: Schnell ein bisschen ­Gebrauchstext runterschreiben aus einem Genre, das auch wirklich gelesen wird, einen Haufen Zaster verdienen, diesen auf den Kopf hauen für mehr Zeit zum Schreiben von echter Literatur, die leider eher weniger gelesen wird.

Kurze länderpsychologische Marktanalyse: Die Amis zum Beispiel, die ja eher nicht so an Staat, Justiz und Polizei und eher so an die Macht des einzelnen glauben, favorisieren ja Superheldengeschichten. Egal ob es sich um Einzelkämpfer oder echte Spandex-Träger handelt, einzig und allein der Superheld kann das Verbrechen besiegen. Notfalls mit ein paar Fausthieben.

In Deutschland, wo man sich noch immer ein klein wenig daran erinnert, dass jeder vermeintlich gute Bürger potentiell das Böse in sich tragen und eine Leiche im Keller liegen haben kann, spriessen die Krimis unkrautgleich aus jedem Sender, zu jeder Zeit, in jeder Ausprägung: Vom Tatort als Teaser fürs anschliessende Talkformat bis zur Krimikomödie (die dann weder lustig noch spannend ist).

Und in der Schweiz?

In der Schweiz redet man ja am liebsten über die Schweiz.

Besser gesagt über die Heimat.

Und also ist das Genre to go for: die Heimatstory!

Schlechte Neuigkeit für Aargauer: Mit Heimat ist nie das Mittelland gemeint. Heimat meint immer die Berge. Und meint immer dieses ­Gefühl von weltabgewandten Eigenbrötlern; von sich im Niedergang befindenden Bergdörfern; und vor allem: von der Wehmut, dass das Echte, Naturbelassene am Verschwinden ist.

Das Böse in diesen Geschichten: die unaufhaltsame Neuzeit, die um sich greift und die Identität vernichtet.

Nun also ans Werk: Man müsste einen kurligen Berglerkommissar (Zigarettenmarke Mary Long) erfinden, der bei der Ermittlung eines Mordes auf Machenschaften von bösen, globalisierten und vor allem Unterländer Grosskonzernen stösst, die aus Gründen (des Profits, was sonst?) den Berg sprengen/den Bach vergiften/die Hirten vertreiben wollen; Kommissar Mary Long löst den Mordfall, kann die grosse Sache aufdecken, aber nicht mehr aufhalten.

Es kommt, wie es kommen muss: Am Ende steht Long da draussen, der Tag bricht an, gleich wird gesprengt (vergiftet/vertrieben), er schaut auf die noch schönen Hänge und bläst den Rauch langsam in den Morgennebel.

Würden Sie kaufen, oder?

Jetzt muss ich’s bloss noch schreiben.


Nächstes Mal: Herr Mezger, darf ich Ihnen eine dumme Frage stellen?

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»