Klettercircus maximus

Im Dokumentarfilm «Free Solo» erklimmt der Kletterer Alex Honnold den El Capitan ohne Seil, ohne Sicherung.

 

Der Gladiator ist nicht das Problem. Er gibt vollen Einsatz. So wie er es immer tut. Im Dokumentarfilm «Free Solo» erklimmt der Kletterer Alex Honnold den El Capitan ohne Seil, ohne Sicherung. Ein Mensch in T-Shirt und flatternder Hose in der gewaltigsten Granitwand der Welt, selten war Einsamkeit so bestürzend anzusehen. Seine Füsse stehen auf kaum fühlbaren Tritten, unter ihm tausend Meter Tiefe. Wem das nicht genügt, für den zieht die Kamera nun auf und öffnet den Rachen des Abgrunds noch weiter. Alex greift hinter sich in seinen Magnesiabeutel, weisser Staub wirbelt durch die Morgenluft. Tief steckt er seine Faust in einen vertikalen Riss, die Füs­se nun auf eine glatte Wand gestellt. Später wird er sagen, er habe den Tag seines Lebens gehabt, und es tue ihm leid, dass die Filmcrew und seine Freundin gelitten hätten unter der kaum erträglichen Spannung. Das Publikum liebt ihn dafür und gräbt millionenfach die Finger in die Kinosessel, wenn Alex nach dem nächsten Griff tastet. Gleich kommt eine besonders schwierige Stelle, an der er bei den Vorbereitungen ins Seil gestürzt ist. Die grosse Qualität von «Free Solo» liegt darin, dass der Film uns von Pathos und Sinnsprüchen verschont. Alex Honnold ist ein sympathischer, schlaksiger Kerl, der jedem pseudophilosophischen Erklärungsversuch mit seiner entwaffnenden Ehrlichkeit begegnet. Seit er mit 18 Jahren die Schule abgebrochen hat, lebt er im Van, hier isst, schläft und trainiert er, lauschig parkiert unter den Felswänden. Obwohl längst einer der berühmtesten Free-Solo-Kletterer, hält er am Lebensstil des Dirtbag-Climbers fest. Er will nichts anderes, und das in seiner reinsten Form. Er würde das Klettern stets einer Frau vorziehen. Zum Free Solo sei er gekommen, weil er als junger Kletterer zu schüchtern war, andere anzusprechen. Sein ganzes Dasein ist Free Solo. In der Wand bedeutet dies: Lebensgefahr absolut – und für Alex die letztgültige Währung auf seiner Suche nach Perfektion. Als Sohn eines autistischen Vaters und einer niemals zufriedenen Mutter trägt er die dafür nötige Motiva­tion in seinem Rucksack. Es sind nur die wenigsten unter den Besten, die sich in dieser Variante des Klettersports versuchen, und die meisten tun es nicht wegen des Adrenalins und schon gar nicht für Publikum. Ganz bei sich klettern sie jenseits jeder Rechtfertigung in einem höchsten Zustand der Konzentration. Selbst für einen Weltklasseathleten bedeutet Free Solo, entweder Olympiagold zu gewinnen oder dabei zu sterben.

Ein Yosemite-Veteran erzählt Honnold, dass er seine eigenen Solos niemals für Zuschauer wiederholt hätte. Free Solo überlebe nur, wer es aus den «richtigen Gründen» mache. Alex lächelt und nickt, die habe er. Doch warum dann dieser Film? Das ist die Frage, die wie der Elefant im Raum steht, im Van, im Besprechungszimmer der Filmcrew. Sie alle wissen, weder die spektakulären Bilder noch die Originalität der Erzählung werden den Thrill ihres Films ausmachen. Es ist der ständig mögliche Tod Honnolds. Unablässig beteuert der Regisseur, wie schwer dieses Vorhaben auf ihm laste, nicht auszudenken, wenn er seinen Freund durch das Kameraauge in den Tod stürzen sähe, wenn die Irritation der Dreharbeiten Alex’ Tod auslösen…

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»