Mehr Schaum als Brandung

Katharina Geiser: Diese Gezeiten. Salzburg / Wien: Jung & Jung, 2011.

Katharina Geiser ist gewiss keine unbekannte Schweizer Literatin. Richtig bekannt jedoch ist sie auch nicht. Ihr umfangreicher neuer Roman wird daran vermutlich wenig ändern. Mit dem literarischen Tidenhub dieser «Gezeiten» stimmt etwas nicht.

Schauplatz ist die britische Kanalinsel Jersey zwischen 1940 und 1945. Die Deutsche Wehrmacht besetzt das idyllische Eiland und installiert peu à peu ihr Schreckensregiment. London brennt. Die Angst zieht ein in die Steinhütten der Fischer und Bauern, und sie kriecht bis La Rocquaise, dem Haus direkt am Meer. Es wird ungemütlich für Lucy Schwob und Suzanne Malherbe, die nicht mehr ganz jungen Stiefschwestern, die zugleich auch ein Paar sind. Von den Pariser Surrealistenzirkeln haben sich die Künstlerinnen gelöst, sie haben Geld und wollen ihr Leben in Ruhe führen, dem Schönen hingegeben, im Einklang mit der grandiosen Natur, mit den Jahreszeiten und den Gezeiten des Atlantiks. Mit der Ankunft der Deutschen ändert sich alles. Ihr leiser, listiger und, wie die beiden von Anfang an wissen, auch lebensgefährlicher Widerstand gegen die Besatzer bestimmt immer mehr ihr Leben: Flugblätter werden verfertigt und verteilt, bedrängten Nachbarn wird diskret geholfen. Doch: Das Haus wird requiriert, Kriegsgefangene aus dem Osten müssen obskure Bauten errichten, die Versorgungslage wird langsam dramatisch. Und eines Tages werden die Stiefschwestern verraten und ins Gefängnis geworfen, und selbst wenn es dort neben gnadenlosen Nazis auch Wärter gibt, die ihnen gewogen sind, werden sie letztlich zum Tode verurteilt.

Eine faszinierende Geschichte eigentlich. Doch detaillierteste Geschichtskenntnisse und handwerklich meist untadelige Prosakunst reichen hier nicht aus, um den zunehmend ermüdeten Leser bei Laune zu halten. Warum? Weil der Roman beseelt, ja besessen davon, allen Opfern der Naziherrschaft wenigstens nachträglich Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, nichts auslassen kann. Weil die Umsetzung der hehren und ehrenwerten, mit einem Motto von W.G. Sebald beglaubigten Erzählintention präzise und poetisch zugleich sein will, aber über weite Strecken nur bemüht wirkt. Und weil die Distanz zu den bedrückenden und bisweilen lebensvernichtenden Geschehnissen sowie zu den beiden Hauptfiguren zu gering und deren Schilderung oft seltsam monoton geraten ist.