I rege mi uf #3

Sehr geehrter Herr Sachbearbeiter

Ich kenne nur die Absicht, möglichst unabhängig zu leben. Wenn man nicht direkt in die MEGA-MAINSTREAM-Belletristik einsteigen möchte oder kann, um jedes Mal 700 000 Bücher zu verkaufen, plus Lizenzen für alle Sprachen: Merchandisingprodukte, Games und Apps, was kann man dann machen? Wenn man nicht aus einer Chirurgendynastie stammt, die einem ein Mehrfamilienhaus in Basel schenkt oder in der Berner Altstadt eine Häuserzeile übrig hat, das ginge auch, was macht man dann? Dann muss man sich seinen eigenen Erb-Adel-Bohemian-Standard erarbeiten. Wie man das tut, geht eigentlich niemanden etwas an.

Nur der Sachbearbeiter der Steuerbehörde, ein wahrer Wundermensch, der jeden Tag Höchstleistungen vollbringt in Sachen Verständnis, Empathie und Kompetenz, der steckt seine Nase jedes Jahr in meine Lebensplanung. Mit seiner engelhaften Freundlichkeit und Geduld und Fairness, die er steueroptimierenden Grosskonzernen gegenüber genauso anwendet wie mir gegenüber, ist er schon lange mein Vorbild.

Sehr geehrter Herr Sachbearbeiter, es ist jedes Jahr ein Vergnügen, Ihnen darlegen zu dürfen, dass ich mit vollster Absicht zu billig lebe für Ihre statistischen Berechnungen. Dass ich mein Vermögen absichtlich selber erfolgreich verwalte und dass ich mich absichtlich unter dem statistischen Durchschnittsschweizerkonsumniveau bewege.

Ich spare, damit ich mein erhöhtes Berufsrisiko selber absichern kann. Jedes Jahr darf ich Ihnen mitteilen, dass Sie meinen Vermögenszuwachs problemlos verstehen könnten, wenn Sie denn wollten. Mein hochgeschätzter Steuerberater schickt Ihnen dazu jedes Jahr musterhaft aufbereitete Daten. Mit einem tiefer angesetzten Lebenswandel, der real belegbar ist, könnten Sie mit Ihrem Super-Sachbearbeiterprogramm schon die Hälfte meines Vermögenszuwachses plausibilisieren.

Was die andere Hälfte betrifft, könnten Sie die langjährigen Verläufe der Indizes DOW 30, S&P 500, DAX, FSTE 100, CAC 40, Euro Stoxx 50, IBEX 35, Nikkei 225, Shanghai, China A50 und Hang Seng anschauen. Sie wollen aber lieber eine Buchprüfung machen. Machen Sie ruhig. Mein Steuerberater wartet schon mit Kaffee auf Sie. Ich weiss, wie viel Sie und Ihre Assistentin, die Sie mitnehmen werden und die dann in Ihrem Namen sprechen darf, pro Jahr verdienen. Es sind zusammen 250 000 CHF, plus Lohnnebenkosten 50 000 CHF, plus Infrastruktur 12 000 CHF, macht 312 000 CHF, bei 2129.60 Jahressollarbeitsstunden macht das ca. 150.00 CHF pro Stunde. Die Buchprüfung vor Ort hat 4,0 Stunden gedauert, zusätzlich waren Sie 1,5 Stunden unterwegs. Davor haben Sie total zusammen 10,0 Stunden mit mir Ping-Pong-Dialoge geführt, für nichts. Das alles hat insgesamt sicher 2325 CHF gekostet. Und was hat rausgeschaut? Ich musste 500 CHF mehr Steuern zahlen.

Falls Sie mir nochmal schreiben: Ich habe die automatische Fehlermeldung, die Sie erhalten werden, schon vorbereitet.

Beno-Paul.Poulet@steu.erbe.ch: host ntserver.example.com refused to talk to me: 550 Permission denied, go fuck yourself connect to 172.14.242.2713: Connection timed out, Karteufel, der Kartoffel, the garlic is the murderer, substantial error, fail, message not transmitted, … Reichtumsfetisch, 7777.ddd.d…888gggg.aagagag..g…Your message contained piggleterish content. If we recieve any other dirtyshitpiganus message from your address with we will send you spam till the end of your days.

Yours truly
Michael S. Molotov

Anmassung als Chance

Schreibend immer schön nett sein, mit Kritik nie konkret werden: das Leben als Künstler könnte so leicht sein. Doch Literatur, die aus Gleichgültigkeit oder Pflicht geschaffen wird, langweilt sich selbst zu Tode. Ein Intro zum Schwerpunkt «Zorn und Protest».