Tobelhocker

Der erste Eindruck: Verwirrung. Nach einer kurvenreichen Fahrt auf einen Pass hatte Ada die Orientierung verloren. Jedenfalls befand sie sich auf 1100 Metern Höhe, neben einer Kapelle und einem Funkmast, in einem Zimmer mit Fenstern in zwei Richtungen. Die Berggipfel tatsächlich wie ein versteinertes Meer, im Tal Nebelschwaden, der Himmel bewölkt, mit kleinen hellblauen Föhnfenstern. […]

Der erste Eindruck: Verwirrung. Nach einer kurvenreichen Fahrt auf einen Pass hatte Ada die Orientierung verloren. Jedenfalls befand sie sich auf 1100 Metern Höhe, neben einer Kapelle und einem Funkmast, in einem Zimmer mit Fenstern in zwei Richtungen. Die Berggipfel tatsächlich wie ein versteinertes Meer, im Tal Nebelschwaden, der Himmel bewölkt, mit kleinen hellblauen Föhnfenstern.

Später, im Freien, auf einer schmalen Terrasse in der Sonne, kreisten zwei Hühnerhabichte in einem blauen Wolkenloch. Wie Geier, die auf ihre Beute warteten. In einer Lücke zwischen den Betonplatten wilder Thymian, ein Distelfalter auf einer rosa Blütenrispe. Im Gras Grillen und Heuschrecken, im Hintergrund das Gebimmel von Kuhglocken. Der Föhn hatte sich durchgesetzt, obwohl von Westen her immer wieder Wolkenbataillone aufmarschierten. Der Funkturm diente früher vermutlich der Schweizer Armee. Im «Appenzeller Volksfreund» war eine Veranstaltung angekündigt: «Ausstellung des Richtstrahlbataillons 17», was auch immer das sein mochte. Auf der gegenüberliegenden Seite ein Artikel über die Ursprünge der Ratsschreiber. Noch 1946 wurde ein Ratsschreiber als Funktionär bezeichnet, der «naturnotwendig und zwangsläufig zur Gattung der Veilchen gehörte, die im Verborgenen blühen». Man erwartete von ihm, bei einem Fehler der Behörde «die Schuld ritterlich auf sich zu nehmen», damit das Amt seine weisse Weste behalten konnte. Darunter das Foto eines Schwarzafrikaners, der sich als Flüchtling optimal integriert hatte. Er besass eine eigene Wohnung und hatte sich zum Gesundheitsassistenten ausbilden lassen. Man sah ihn neben einem Herd, auf dem ein blitzblanker Edelstahltopf stand. Früher hätte er als Menschenfresserkarikatur in einem Kessel über offenem Feuer Missionare gekocht.

Was tat sie hier eigentlich? Sie hatte die Flucht ergriffen, vor Joseph. Sie wusste nicht, ob sie weiter mit ihm zusammenleben wollte. Sie wusste einfach nicht weiter, auch sonst. Hier, auf 1100 Metern Höhe, hoffte sie, klarer zu sehen. Bei ihrem letzten Arztbesuch, wegen Herzrasen im Liegen und plötzlich viel zu hohem Blutdruck, hatte der Doktor, ein junger, freundlicher Kerl, gemeint, sie mache auf ihn den Eindruck eines Menschen, der sich nicht in seiner Mitte befinde. Sie hatte ihm zugestimmt und die neuen Blutdruckpillen mitgenommen.

Was sollte das denn überhaupt sein, ihre Mitte? Wenn sie ein Erdteil wäre, Europa, Afrika, Amerika, alles Frauennamen, läge geographisch gedacht ihr Magen in ihrer Mitte. Oder das berühmte Zwerchfell. Sie lachte viel zu wenig in letzter Zeit. In ihrer Studienzeit hatte sie sich noch mit dem «Verlust der Mitte» von Sedlmayr auseinandergesetzt und seine kultur-pessimistischen Theorien heftig abgelehnt. Und nun sollte sie plötzlich in ihrer Mitte sein.

Das Hotel lag neben einer Antoniuskapelle, innen grell blau und türkis bemalt. «Ein Hecht / vom Heiligen Anton / bekehrt / beschloss samt Frau und Sohn / am vegetarischen Gedanken / moralisch sich emporzuranken.» Ihre Freunde wurden reihenweise Vegetarier oder Veganer, doch sie konnte dem nichts abgewinnen. Sie gehörte zur Gattung der Carnivoren. Ein saftiges Steak war für sie noch immer ein Hochgenuss. Auch der Hecht bei Morgenstern hatte mit seiner Familie keinen Erfolg beim Emporranken. Das pflanzliche Futter bekommt ihnen nicht, sie kriegen Durchfall und verpesten den ganzen Teich. Dann doch lieber erhöhte Cholesterinwerte und an einem Schlaganfall sterben.

Zum Abendessen gab es ein Thai-Curry. Sie sass an einem langen Tisch, der fast zur Gänze von einer Schriftstellergruppe eingenommen wurde. Die waren hier eine Woche lang kaserniert und sollten dann Texte abliefern, für eine Literaturzeitschrift. Sie verkauften also ihre Dienste, wenn auch zu angenehmen Bedingungen. Ada hatte immer gedacht, Künstler seien frei, jedenfalls freier als der Durchschnitt. Am Vormittag hatte sie sich mit einem von ihnen unterhalten, einem bebrillten jungen Mann, der einen Krimi schreiben wollte. Tagsüber hatte sie ein paar von ihnen gesehen, wie sie zu arbeiten versuchten, fast alle mit Laptops. Eine auf der Terrasse an…

Observatorium
Observatorium

er beobachtete lange die menschen gesichter ihre kraft ihre züge befasste sich mit ausgeprägtem kinn zögerlichem oder überhängendem mit dellen und wallvorsätzen mit hohen oder fliehenden stirnen haaransätze machten ihn besessen ausgedünnte schädelböden oder grosse büsche samtig gleissendes schwarzes gold die feinporigkeit der haut ihre oberfläche als gebirge als buch mit siegel aufgestülpte lippen oder […]

Für immer die Alpen
Für immer die Alpen

Unruh folgte den Eisbären aus Plastik, die abseits der Strasse im Gras, auf Astgabeln oder Stromkasten standen und ihm in schmutzigem Weiss leuchtend den Weg wiesen. Die gartenzwerggrossen Tiere schickten ihn eine Strasse entlang, die sich: futuristisch, dachte er, den Hügel hochwand wie ein hingeworfenes Stück Schnur. Sah er sich erst von Wiesen umgeben, war […]