Blaise Cendrars:
«Ich tötete – ich blutete»

 

1914, kurz nach Kriegsbeginn, meldet sich der Schweizer Schriftsteller Blaise Cendrars, um für Frankreich, oder besser Paris, seine Wahlheimat, in den Krieg zu ziehen. 1915 verliert er bei einem misslungenen Angriff seinen rechten Unterarm. 1916 erhält er die französische Staatsbürgerschaft. 1918 erscheint «J’ai tué», kurze, rhythmisierte Kriegsprosa, die dem Puls der vielen und des einzelnen Soldaten nachfühlt. 1938 dann «J’ai saigné», die Beschreibung, wie Cendrars’ eigener Puls Blut ausspuckt, da, wo sein Unterarm sitzen sollte, und des langen Überlebens im Lazarett voller Lädierter. Irgendwann zwischen 1940 und 1958 entsteht ein Text über die ersten Kriegsurlauber in ­Paris, zu denen Cendrars zählt. Fragment geblieben, wird es von Übersetzer Stefan Zweifel «Die Frau und der Soldat» genannt. Er hat alle drei Texte erstmals ins Deutsche übertragen und unter dem Dach «Erzählungen aus dem Grossen Krieg» herausgegeben.

Den Vorwurf der Kriegsverherrlichung musste sich Cendrars bei Erscheinen von «J’ai tué» gefallen lassen. Und tatsächlich, im Herzstück des Bandes ist der Krieg nicht weit vom Vater aller Dinge entfernt. «Ich tötete» beginnt wie eine Berichterstattung im Live-Ticker-Takt: Die Sätze sind kurz, die Fakten eindringlich. Der Soldat Cendrars, einer von vielen, beschreibt mehr oder weniger unbeteiligt, was das Heer gerade tut, wohin es sich bewegt, sich selbst lässt er im Trupp völlig aufgehen. «Man» geht, «man» hört, «man» wartet. «Es regnet.» Dann stürmt ein «Wir» los, und plötzlich fällt es das erste Mal, das «Ich», für sich ein Messer erbittend. Was folgt, ist der jähe Zoom weg von der Mikroszenerie in eine Makroperspektive, die ganze Welt betrachtend, nur um gleich wieder an die Front hinunterzuschnellen und sich selbst, als Kulminationspunkt des Weltgeschehens, ins absolute Zen­trum zu stellen:

«Darin also gipfelt diese immense Kriegsmaschine. Frauen verrecken in Fabriken. Eine Horde von Arbeitern rackert in den Minen. Wissenschafter, Erfinder zermartern sich das Hirn. Das ganze wunderbare Wirken der Menschen leistet Tribut. Die Fülle eines ganzen Jahrhunderts Arbeit. Die Erfahrung mehrerer Zivilisationen. Auf der ganzen Welt müht man sich nur für mich.»

Die drei Texte und besonders das poetisierte «Ich tötete» sind ausnehmend bedacht übersetzt, die zahlreichen Anmerkungen geben nur eine Ahnung der geleisteten Arbeit. Das Triptychon ergänzt die Lektüre des grossen Kriegsromans «La main coupée» (1946 erschienen), vermittelt aber auch ohne diesen genügend Eindrücke vom Treiben des Ersten Weltkriegs – und von Cendrars’ lebenslanger Auseinandersetzung mit ihm. Dass der Herausgeber beinahe sein komplettes Vor- wie Nachwort auf das 1926 erschienene Werk «Moravagine» ausrichtet, mag dem Cendrars-Experten die Verflechtungen mit dem – ebenfalls gerade von Zweifel neu edierten – düsteren Roman erschliessen. Dem Erstleser hingegen werden hier Fährten gelegt, denen er kaum zu folgen vermag. Zu sehr bereitet ihn der Herausgeber auf seine eigene psychologische Lesart des Autors vor: Es ist viel von Mordlust die Sprache, von Cen­drars’ innerem Kampf und liederlicher Lebensführung. Und ja, in den vorliegenden Texten tauchen der Messermord, die in einem Zug geleerte Flasche Schnaps und die Liebelei in Paris auf, aber daraus erschliessen sich noch nicht Cendrars’ Monstrositäten, die Zweifel derart herausstreicht. Die zeitlichen Zusammenhänge der Ereignisse und die Genese…