Claude Cueni:
«Script Avenue»

 

Allen bisherigen Besprechungen von Claude Cuenis neustem Werk unterläuft derselbe Fehler: Sie lesen das Mammutbuch als Autobiographie. Dabei handelt es sich bei «Script Avenue» um einen Bildungsroman im klassischen Sinne! Die langerwartete Nordwestschweizer Pulp-Version des «Wilhelm Meister»: Da befreit sich einer aus dem kleinbürgerlichen Mief und findet zur Kunst.

Cueni weiss, wie man schreibt. Auch ohne Italienreise. Jahrelang hat er den «Tatort» mit Drehbüchern beliefert. Seine Historienromane waren Bestseller. Ganz wie aus dem Creative-Writing-Lehrbuch setzt auch «Script Avenue» medias res ein: Sammy, der an Leukämie erkrankt ist, erwacht aus dem Koma und glaubt, sich mit seiner bereits Jahre zuvor verstorbenen Frau zu unterhalten. Es folgt ein Bruch, woraufhin wir Zeugen der Umstände seiner Geburt werden: Die Mutter würgt ihn im hintersten Jura auf die Erde, dann wird er an einen Verwandten weitergereicht, einen Sodomiten, wie sich herausstellt, der den kleinen Jungen in einer Schraubenkiste aufbewahrt.

Es folgen Lehr- und Wanderjahre: Wie Wilhelm verlässt Cuenis Held früh die eigenen Gefilde, um dem Ruf der Kunst zu folgen. Während Wilhelm, ganz selbstmitleidiger Hipster, bloss vor Wohlstandslangeweile flüchtet, flieht Sammy u.a. vor einer Mutter, die mit ihm Weihwasser-Waterboarding spielt, und einem pädophilen Fremdenlegionär, der ihn mit Modellfigürchen gefügig machen möchte. Auch Sammys Ziehväter haben nichts mit denen Wilhelms zu tun. Lungert letzterer mit Adeligen herum, zählt Sammy einen marxistischen Schriftsteller mit Glücksspielsucht und einige erzkapitalistische Unternehmer zu seinen Mentoren. Aber er entpuppt sich als Stehaufmännchen: Trotz anhaltendem Misserfolg – sein Sohn kommt behindert zur Welt, Sammy wird immer wieder über den Tisch gezogen – schreibt er zehn Jahre lang weiter. Um sein Schreiben zu finanzieren, entwickelt er nebenbei Videospiele. Dass so eine Geschichte auch einem Helmut-Maria Glogger gefällt, versteht sich von selbst – sollte einen allerdings nicht von der Lektüre abhalten.

Cuenis Erzählfluss rast jedenfalls dahin wie der Louis-Ferdinand Célines in «Tod auf Kredit» (an den der Roman auch inhaltlich erinnert). Wer weiss, dass Cueni schwerkrank ist, kann sich nur fragen, woher er die Energie nimmt. Sie geht ihm nie aus, auch wenn der Roman gegen Ende einige Längen aufweist. Dabei sollte der einstige Drehbuchautor eigentlich wissen, dass niemand einen Roman kauft, um ellenlange Ausführungen über die moralisch-sexuelle Überlegenheit von Asiatinnen zu lesen. Jeder Lektor, der nicht beim Wörterseh-Verlag arbeitet, hätte Cueni geraten, einige dieser immer gleichen Sexszenen zu kürzen. Auch auf ein paar der Tiraden gegen «Cüplilinke», «Stipendienschriftsteller» und die Aufhebung des Goldstandards hätte der Autor verzichten können. Doch vielleicht ist es gerade diese – zuweilen unfreiwillig komische – Ungeschliffenheit, die «Script Avenue» mitreissend macht. Johann Wolfgang jedenfalls hätte solch ein monströses Machwerk wohl selbst nach dem dritten Burgunder nicht hingekriegt.

Claude Cueni: Script Avenue. Gockhausen: Wörterseh, 2014.