Von Jegenstorf nach Iffwil

Kraut & rüber

Von Jegenstorf nach Iffwil
photographiert
 von Beat Schweizer.

Wer in der Provinz wohnt, wo die Sonne noch hinter dem Waldrand untergeht, ehe sich der Mond über die Flachdächer der Toyota-Garagen erhebt, die neuerdings auch Motorsägen und selbstfahrende Rasenmäher verkaufen, wer also in der Provinz wohnt und sich den Luxus des autofreien Lebens gönnt, wird manchmal auch gegen seinen Willen auf eine Wanderung gesandt.

Gerade gestern ist mir das passiert, an diesem schwülheissen Tag, einem Sonntag mit Sommersprossen, als ich von Bern her schmalspurbähnlich in Jegenstorf eintraf und ich – als Neuzuzüger in der Region, der noch kein Fahrrad am Bahnhof stehen hat – feststellen musste, dass der nächste Bus nach Iffwil erst kurz vor Weihnachten fährt.

Planlos bleibe ich stehen, vergrabe die Hände in den Taschen und schaue zu, wie der Blues über den menschenleeren Bahnhofplatz weht. Meist klagen die Menschen in der Provinz über die Bise, viel öfter jedoch weht hier dieser Blues, einer von der ganz schwerfälligen Sorte, der die Halme von Gräsern und Getreide rhythmisch zu bewegen versteht. Jetzt weht er in Richtung Pizza Venezia, einer schuhschachtelkleinen Imbissbude, wo ich mir ein Efes hole.

Es fühlt sich gut an, mit einem türkischen Bier an den tadellos umzäunten, mit Schweizer Fahnen drapierten Vorgärten Jegenstorfs entlangzuspazieren. Das Bier, der Blues und die Sonne. Sie helfen mir, über die eben vergangenen Gespräche hinwegzukommen, in deren Zentrum ein Text stand; der Text einer jungen Autorin, deren Mentor ich bin. So sehr ich den Stoff, aus dem das Manuskript gewoben ist, schätze, so sehr ich ihn einer Erzählung für würdig halte, so sehr vermisse ich eine Komposition, vermisse elegant verknüpfte Motive.

Am Efes nippend, viele kostspielig umgebaute Bauernhöfe in meinem Rücken, den Waldrand vor mir, versuche ich, mir die Gespräche zu vergegenwärtigen; ich weiss, meine Worte haben sie gekränkt, ich werfe mir vor, meine Kritik zu kaltherzig vorgebracht zu haben. Sie hat während Wochen gearbeitet, hat sich die Schreibzeit abgerungen; und ich benötigte keine zwei Stunden, um mit der Abrissbirne meiner vermeintlich wohlbegründeten Argumente aufzuzeigen, dass der Text so nicht funktionieren, dass er so nicht zu einem Roman werden könne.

Im Wald lenkt mich bald dichtes Gestrüpp ab: Brombeeren wachsen hier, Brombeeren, so weit ich dem Saum des Weges mit meinen Augen folgen kann. Da ich bis vor kurzem auf einem Hof lebte, auf dem Himbeeren kultiviert werden, Brombeeren aber wild wachsen, ist die Brombeere für mich in einen archaischen Rang aufgestiegen. Bei den Himbeeren musste ich wiederholt jäten, musste Schubkarre für Schubkarre Schweinedung herankarren, musste zur richtigen Zeit die richtigen Triebe schneiden und festbinden. Auch diese Waldbrombeeren schmecken vorzüglich. Aber es ist nicht einfach, an sie heranzukommen. Blackberry heisst die Frucht für die Nordamerikaner, Bramble für die Briten. Die Schweden sagen Björnbär. Unerreicht sind die Portugiesen, die die dunkel glänzende Frucht Amora silvestre nennen. Wer liebt da wen in legendenstiftender Silvesternacht?

Was geschieht, wenn ich eine Sache von dem kleinen Podest aus betrachte, das jede fremde Sprache stets hilfsbereit vor mich hinstellt? Gibt es nicht immer tausend Gründe, an einem Text herumzumäkeln? Tausend andere, sichtbar nur von einem anderen Standpunkt, ihn hinreissend zu finden?

Wie soll jemand schmalspurbähnlich in einer Ortschaft eintreffen? Was soll das für ein Sonntag sein, der Sommersprossen trägt?

Die besten Brombeeren wachsen wild, ohne Schnitt und ohne Dünger, hinter Dickichten ducken sich Björnbären, und das Efes, das ich schlürfe, ändert nichts daran, dass ich jetzt auch zu den Flachsinnstiftern gehöre, die zu wissen glauben, wann ein Text etwas taugt und wann nicht.


Urs Mannhart
ist Schriftsteller und Reportagejournalist. Zuletzt von ihm erschienen: «Bergsteigen im Flachland» (Secession, 2014). In seiner Kolumne «Kraut & rüber» bereist er die Welt und erzählt von Orten, Wegen…